Hier die Fortsetzung der tiefen Reflexion Sperbers anlässlich seines Besuchs von Jerusalem, was denn nun “sein Jude sein” ausmache:
Während nun mein Blick auf den Wällen ruht, welche die viel umstrittene Stadt umschließen, suche ich ohne Hast, mit Gleichmut zu erforschen, welcher Art mein Judesein ist, mir selbst darüber Aufschluß zu geben, was mir heute und hier das Judentum bedeutet, zu welchem ich nicht nur durch die Geburt, sondern weit mehr noch deshalb gehöre, weil ich es auch unter den schlimmsten Bedingungen stets so gewünscht habe. Und das geschah von Anbeginn nicht wegen, sondern trotz seiner Auserwähltheit. Ob diese nun eine unentrinnbare Gabe oder eine zu schwere Bürde ist — diese Frage hat mich nur in jungen Jahren bekümmert, denn früh genug entdeckte ich, daß die Gnade uns anhaftet wie ein Höcker den Schultern. Nicht leichter als von diesem kann man sich von der Gnade, der erdrückendsten aller Lasten, befreien.
Auch weil ich die Bedrohlichkeit der Auserwähltheit nie vergessen konnte, wollte es mir nicht gelingen, das einzigartige Schicksal des jüdischen Volkes mit vernünftigen Gründen zu erklären. Und weniger als je wüßte ich heute zu sagen, warum gerade wir alles überdauert, so vieles überlebt haben. Seit langem scheint mir der Preis viel zu hoch für solche Dauer in der Zeit und das ungewollte Überall und Nirgendwo im Raum. Obschon dieses Schicksal ein historisch und philosophisch unentwirrbares Problem bleibt, dessen Lösung weit mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet, ist mir das Judesein so natürlich wie etwa einem Tiroler Bauern die Gewißheit, daß er gerade dort hingehört, wo sein Dorf liegt. Somit ist mein Selbstverständnis eine alltägliche Selbstverständlichkeit gegenüber Juden und Nichtjuden, gegenüber dem Glück und dem Unglück, ein Jude zu sein — im Jahre 70 der christlichen Zeitrechnung oder im Jahre 135 oder ein Jahrtausend später, in der Epoche der Kreuzzüge, oder schließlich nach der bürgerlichen Emanzipation und dem Beginn der Taufepidemien, der ebenso stürmischen wie erfolglosen Versuche recht vieler deutscher oder französischer Juden, sich selbst zu entfliehen.
Ein tätiger Zeitgenosse im 20. Jahrhundert, bleibe ich so ein Gefährte meiner Ahnen auf all ihren Wegen und Zeuge der Freveltaten, deren auserwählte Opfer sie wurden, wie der Wunder, die sie schließlich vor der völligen Ausrottung bewahrt haben.
Heute trommeln radikale religiöse Israelis für die Errichtung des dritten Tempels auf dem Tempelberg, wo der Felsendom und die Al Aqsa-Moschee stehen. (Auch evangelikale Christen haben dafür ein offenes Ohr).
Manès Sperber seinerseits sieht gerade im Verlust des zweiten Tempels einen entscheidenden Fortschritt im jüdischen Denken:
Erst als Gott seinen Tempel verlor und heimatlos wurde wie sein Volk, triumphierte er über die heidnischen Götter und die Lockung des Götzendienstes, der die Nachfahren Jakobs in Kanaan zu oft erlagen. Erst in der Diaspora verringerte sich diese Anfechtung, sie verschwand schließlich ganz, als der Christianismus, in eine Kirche verwandelt, unter anderem durch den Marienkult und die Vergötzung der parochialen Schutzheiligen Erbe des Heidentums wurde.
Nicht nur weil ich ungläubig bin, sondern weil ich zum Judentum gehöre, wittere ich in allen heidnischen Praktiken die feige Selbsterniedrigung des Menschen vor Tieren, Ungeheuern und idolisierten Mitmenschen. Und darin bin ich gewiß strenger als so viele orthodoxe Juden, die sich in ihrem Glaubensdurst manchen Aberglauben der Wirtsvölker zu eigen gemacht haben.
Gäbe es einen Gott, so wäre er, meine ich, zweifellos der jüdische. Habe ich mich zwar im dreizehnten Lebensjahr vom Glauben an ihn gelöst, so ist doch mein ketzerischer Werdegang von Anbeginn durch den Widerwillen gegen jede Idolisierung bestimmt gewesen; deshalb wurde ich wie so viele meinesgleichen ein unversöhnlicher Feind Stalins, der seinerseits zum Judenfeind wurde, als er sich anschickte, die Anbetung seiner Vollkommenheit mit unbegrenzter Gewalt zu erzwingen.
Um diese einleitenden Bemerkungen abzuschließen, erinnere ich daran, daß der Judaismus auf der Unmittelbarkeit der Beziehungen zwischen Gott und den Menschen beruht. Dieses Verhältnis wurde durch die Priesterkasten verschleiert und immer wieder gestört; nicht sie, sondern die Propheten waren es, die selbst in Lebensgefahr die Wahrheit des Judentums verkündeten und jene Hoffnungen begründeten, dank denen die Juden, obschon immer wieder geschlagen, stets unbesiegt geblieben sind. Die Propheten forderten von ihnen weit mehr, als sie versprachen, und luden ihnen die Bürde des Menschendaseins auf, als ob sie eine Gnade wäre, die man täglich aufs neue durch Werke verdienen müßte.
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 13. Dezember
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