Unter Arthur Koestler, Hans Siemsen und Werner Thormann als Chefredakteuren erschien die “Zukunft” von 1938 bis Mai 1940 in 81 großformatigen Ausgaben. Der Zeitschrift gelang es, den Großteil aller politischen und kulturellen Kräfte und der deutsch-französischen Avantgarden gegen das NS-Regime zu mobilisieren. Durch den Sturz Hitlers sollte in letzter Minute der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhindert werden. Zugleich erhob sie Anklage gegen den Pakt Stalins mit Hitler und den Parteikommunismus Moskauer Prägung.
Antifaschistisch und antistalinistisch ausgerichtet, entwarf der Think Tank der “Zukunft” und ihrer Netzwerke, der “Deutsch-Französischen Union”, der “Freunde der sozialistischen Einheit Deutschlands” und des “Komitees Menschen in Not” Visionen und Szenarien einer deutsch-französischen Union, eines vereinten Europa und eines ungeteilten, befreiten freiheitlich-sozialistisch Deutschlands nach Hitler. Sie unterstützte die in Frankreich verhafteten Spanienkämpfer und internationalen Brigadisten, diejenigen, denen niemand half und die zum „Abschaum der Menschheit“ wurden (Arthur Koestler).
(aus dem Projekt “Ein neues Deutschland:Ein neues Europa” des Instituts für Soziale Bewegungen)
Tatsächlich ist die Liste der Mitarbeitenden an der Zeitschrift eindrücklich, sowohl was die Bandbreite der weltanschaulichen Positionen und die Anzahl betrifft. Da traf sich tatsächlich eine liberale europäische Denk-Elite mit dem Ziel, die Basis für ein neues Europa nach dem Nazi- und Bolschewismusspuk zu errichten. Dazu gehörten u.a.
Ludwig Marcuse, Ignazio Silone, Alfred Döblin, Thomas Mann, Heinrich Mann, Klaus Mann, Erika Mann, Manès Sperber, Sigmund Freud, , Franz Werfel, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, H.G. Wells, Aldous Huxley, Harold Macmillan, Clement Atlee, Edouard Herriot, Raymond Aron, François Mauriac, Georges Duhamel.
Das Projekt wurde durch den Bruch zahlreicher Linksintellektueller mit dem Stalinismus ermöglicht. Dadurch entwickelte die Zukunft eine antifaschistische, aber auch antistalinistische Haltung, die für sie charakteristisch war und ihr die Finanzierung durch britische und französische Behörden erleichterte. Auf der ersten Seite der Ausgabe vom 22. September 1939 schleuderte Willi Münzenberg dem Sowjetführer seine berühmte Anklage entgegen: “Der Verräter, Stalin, bist Du!” Intellektuelle wie Heinrich Mann oder Lion Feuchtwanger arbeiteten nichtsdestoweniger mit Münzenberg und seiner Zeitschrift zusammen, obwohl sie der Sowjetunion eher freundlich gegenüberstanden.
Dies erklärte sich vor allem durch ihr hohes intellektuelles Niveau. Die Zukunft versammelte Persönlichkeiten, die im 20. Jahrhundert Schlüsselpositionen im intellektuellen und politischen Leben Europas und Amerikas einnahmen. Sie konnten nach dem Ende der Zeitschrift und dem mysteriösen Tod Münzenbergs 1940 die u. a. in der Zukunft formulierten Ideen und Überzeugungen in der Praxis erproben und durchsetzen. Diese lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Keynesianismus und Wohlfahrtsstaat, Westorientierung Deutschlands, Europäische Föderation, Reform des Völkerbundes, Entstehung einer gleichberechtigten Partnerschaft unter Völkern anstelle der Kolonialreiche. Die Emigranten erschienen in diesem Zusammenhang als vollwertige Partner der westlichen Regierungen, ungeachtet der oft sehr harten offiziellen Politik. (Wikipedia)
Die Zeitschrift überlebte den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich nicht. Münzenberg wurde zusammen mit anderen “unerwünschten Ausländern” im Lager Chambaran bei Lyon interniert. Als er angesichts des Vorrückens der deutschen Truppen
zusammen mit drei anderen Deutschen Ende Juni 1940 aus dem Lager floh, um sich in die Schweiz durchzuschlagen, verlor sich seine Spur. Erst im Oktober wurde seine Leiche in einem Wald bei Saint Marcellin/Dept. Isère gefunden. Ein Selbstmord ist unwahrscheinlich. Eines der vielen tragischen Emigrantenschicksale in jener Zeit …
Manès Sperber seinerseits meldete sich 1939 trotz seiner pazifistischen Überzeugung bei der französischen Armee, um seinen Beitrag an der Bekämpfung des Hitler-Regimes zu leisten.
Dazu mehr in der nächsten Folge am kommenden Samstag, den 26. Juli.
An anderen Serien interessiert?
Wilhelm Tell / Ignaz Troxler / Heiner Koechlin / Simone Weil / Gustav Meyrink / Narrengeschichten / Bede Griffiths / Graf Cagliostro /Salina Raurica / Die Weltwoche und Donald Trump / Die Weltwoche und der Klimawandel / Die Weltwoche und der liebe Gott /Lebendige Birs / Aus meiner Fotoküche / Die Schweiz in Europa /Die Reichsidee /Vogesen / Aus meiner Bücherkiste / Ralph Waldo Emerson / Fritz Brupbacher / A Basic Call to Consciousness / Leonhard Ragaz / Christentum und Gnosis / Helvetia — quo vadis? / Aldous Huxley / Dle WW und die Katholische Kirche / Trump Dämmerung / Manès Sperber /Reinkarnation


H.R. Schiesser (Manès-Sperber-Archiv)
Aug. 25, 2025
Folge 26
2. Absatz (neben Bild)
“Antifaschistisch und antistalinistisch ausgerichtet, entwarf der Think Tank der “Zukunft” und ihrer Netzwerke, der “DeutschFranzösischen Union”,…”
Korrektur: Leerzeichen zwischen Deutsch u. Französischen