Der Füh­rer sagt: Mei­ne Macht ist womög­lich gerin­ger als die jedes ein­zel­nen, der mir folgt. Der ein­zel­ne darf sich irren, und es kann unwich­tig sein, ob er es nach­her zuge­steht oder nicht. Wenn ich mich irre und mei­nen Feh­ler zu spät erken­ne oder mich wei­ge­re, ihn zuzu­ge­ben und, was ich gefehlt habe, gut­zu­ma­chen, dann wer­de ich zum Ver­bre­cher an unse­rer Idee, zu ihrem gefähr­lichs­ten Fein­de, —  und
Der Füh­rer ist ein Erzie­her, und wirk­li­che Erzie­her hüten sich davor, durch Zwang, und sei es ein Zwang raf­fi­nier­tes­ter Art, zu errei­chen, was nur erreicht ist durch die Über­zeu­gung. 

So zeigt Manès Sper­ber in sei­nem Essay über die Tyran­nis die Fall­stri­cke auf, die aus einem genui­nen Füh­rer einen Tyran­nen machen kön­nen. Als Bei­spiel für einen auf­rich­ti­gen Füh­rer, der sich irr­te, mit Zwang sei­nen Ideen zum Durch­bruch ver­hel­fen woll­te, sei­ne Feh­ler zu spät erkann­te und als Tyrann ende­te, wähl­te Sper­ber die Gestalt des Maxi­mi­li­en Robes­pierre:
Maxi­mi­li­en Robes­pierre war ein Füh­rer, der Füh­rer der gro­ßen Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on. Nie­mand, der sein Leben kennt, wird sich leicht dazu ent­schlie­ßen, ihn einen Tyran­nen zu hei­ßen, ln die­sem Mann brann­te lau­ter die Idee der Revo­lu­ti­on — er ver­stand sie als das Sys­tem Rous­se­aus -, er ver­lang­te von der Revo­lu­ti­on nichts für sich. Mit Recht wur­de er der Unbe­stech­li­che genannt. Er war es zu einer Zeit, da ande­re sich berei­cher­ten, nicht nur dem Gel­de, son­dern allem gegen­über, was bestechen kann.

Die­ser Mann ende­te wie ein Tyrann. Als er ange­schos­sen wur­de und dann, kaum noch er selbst, zur Guil­lo­ti­ne geschleift wur­de, erhob sich das Volk so wenig, ihn zu schüt­zen, wie es sich je erho­ben hat, um Tyran­nen zu schüt­zen, deren Macht gebro­chen war. Saint-Just hat­te ihm die Treue der Armee zuge­si­chert, das Volk von Paris ihm zuge­ju­belt. Die Tal­li­ens und Fou­chés brach­ten ihn um, doch kaum jemand rühr­te sich, stell­te sich zwi­schen ihn und die, die ihm ans Leben gin­gen. Auch sei­ne Mör­der hat­ten ihm zuge­ju­belt, ges­tern noch! Als er starb, wie weni­ge stan­den zu ihm. So stirbt kein Füh­rer, so ver­en­det ein Tyrann.

Und war er ein Tyrann gewe­sen? Er hat­te Unschul­di­ge, die kurz vor­her sei­ne Freun­de gewe­sen waren, guil­lo­ti­nie­ren las­sen. Wer könn­te bewei­sen, daß er ihre Unschuld kann­te? Wer woll­te bestrei­ten, daß er sub­jek­tiv guten Grund hat­te, sie für gefähr­li­cher zu hal­ten als die offe­nen Fein­de. Doch wei­gert sich schon der Psy­cho­lo­ge mit eini­gem Rech­te, den Men­schen nach sei­nen Inten­tio­nen und nicht nach sei­nen Taten zu beur­tei­len, die Gerech­tig­keit der Geschich­te läßt kei­nen andern Pro­zeß als den über Taten zu. Die Moti­ve wer­den mit den Men­schen begra­ben, doch ihre Taten, Kon­kre­ti­sie­run­gen ihrer ent­schei­den­den, wenn auch von ihnen häu­fig miß­ver­stan­de­nen Moti­ve kom­men vors Gericht. …

Er hat­te selbst ent­schie­den, was Irr­tum ist, und hat­te auf den Irr­tum die Todes­stra­fe gesetzt. So hat er also das Prin­zip geleug­net, daß auch Füh­rer sich irren dür­fen, weil es schlecht­hin unver­meid­lich ist, daß sie sich irgend ein­mal irren. Somit hat er prä­ten­diert, daß er unfä­hig sei, sich zu irren, und er hat sei­nen Glau­ben an sei­ne Unfehl­bar­keit mit dem Blu­te sei­ner Freun­de besie­gelt. Er hat­te das Todes­ur­teil über sich selbst gefällt, genau in dem Augen­bli­cke, in dem er es tyran­nisch über ande­re fal­len ließ. Und da wur­de er Opfer von Täu­schun­gen, denen der Tyrann nicht ent­ge­hen kann, vor denen der Füh­rer sich bewah­ren muß, soll, wofür er kämpft und wofür er bestellt ist, nicht sinn­los, wert­los und ins Gegen­teil ver­kehrt wer­den.

Robes­pierre bekann­te sich dazu, die Tugend durch den Schre­cken zur Herr­schaft zu brin­gen und an der Herr­schaft zu erhal­ten. Ihm wider­fuhr eine schreck­li­che Ver­wechs­lung, eine tyran­ni­sche Ver­wechs­lung. Er ver­wech­sel­te die Tugend mit sei­ner per­sön­li­chen Tugend und ihren Schre­cken mit dem Schre­cken, den er mein­te ver­brei­ten zu müs­sen. Einen Augen­blick lang unter­warf er sich nicht der Idee, son­dern die Idee sich. Einen Augen­blick lang mein­te er, nur sei­ne Lie­be zur Idee sei echt und wahr, die aller ande­ren frag­lich. Und da han­del­te er wie ein Tyrann, er not­züch­tig­te die Idee. Er starb den Tod, den er über sich selbst ver­hängt hat­te. Der Tyran­nen­feind starb den Tyran­nen­tod.

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 5. Juli

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