1932 schrieb Manès Sper­ber in sei­nem Arti­kel “Der gegen­wär­ti­ge Stand der Psy­cho­lo­gie”:
Wir beken­nen uns somit zum dia­lek­ti­schen Mate­ria­lis­mus, damit natür­lich zur Posi­ti­on des Pro­le­ta­ri­ats, wie sie theo­re­tisch und prak­tisch vom Mar­xis­mus-Leni­nis­mus begrün­det wor­den ist. … Also wir ken­nen for­tab nur zwei Rich­tun­gen der Psy­cho­lo­gie: die bür­ger­li­che und die pro­le­ta­ri­sche, die mecha­nis­tisch-idea­lis­ti­sche und die dia­lek­tisch mate­ria­lis­ti­sche. Wir zäh­len uns zur zweit­ge­nann­ten Rich­tung, der ein­zi­gen von mor­gen. (Isler, p. 47)

Wäh­rend es gemäss Sper­ber in der bür­ger­li­chen Psy­cho­lo­gie ledig­lich dar­um ging, Neu­ro­sen auf­zu­lö­sen und die Pati­en­ten wie­der in die (bür­ger­li­che) Gesell­schaft zu inte­grie­ren, hat­te die dia­lek­tisch mate­ria­lis­ti­sche ein grös­se­res Ziel:
Denn so wenig es nach Marx dar­um geht, die Welt nur zu inter­pre­tie­ren, so wenig geht es dar­um, zu ver­söh­nen. Die Ver­än­de­rung tut not, das bedeu­tet Revo­lu­ti­on. Der Refor­mis­mus ist in der Zeit der Revo­lu­ti­on Reak­ti­on, Kon­ter­re­vo­lu­ti­on. Die Psy­cho­the­ra­pie des bür­ger­lich-klein­bür­ger­li­chen The­ra­peu­ten ist die Pra­xis eines immer frag­li­cher wer­den­den Refor­mis­mus. (Isler, p. 48)

Alfred Adler hat­te sei­ner­seits aller­dings schon 1918 klar gemacht, was er von der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on hielt:
Die Herr­schaft der Bol­sche­wi­ki ist wie die aller bis­he­ri­gen Regie­run­gen auf den Besitz der Macht gegrün­det. Damit ist ihr Schick­sal gespro­chen. Der Macht­rausch hat sie ver­lockt. … Wer noch nicht dem Macht­rausch erle­gen ist, hal­te sich an die Fra­ge, ob je auf die­sem Wege die Eini­gung der Mensch­heit, die Stär­kung des Gemein­schafts­ge­fühls zu erwar­ten ist. Wir sehen ehe­ma­li­ge Freun­de, alte, wacke­re Weg­ge­nos­sen, in schwind­li­ger Höhe. Ver­führt vom Macht­trieb, wecken sie allent­hal­ben das Ver­lan­gen nach Gewalt. Hier gibt es kei­nen Abbau, nur wei­te­re Stei­ge­run­gen, wie immer, wenn die Macht das ent­schei­den­de Wort spre­chen soll. (Isler, p. 46)

Der Gegen­satz zwi­schen die­sen bei­den Posi­tio­nen könn­te nicht grös­ser sein! So ist es nicht ver­wun­der­lich, dass es zwi­schen Adler und sei­nem begab­ten Schü­ler zum Bruch kam. Adler sah klar, Sper­ber war blind. Als die­ser weni­ge Jah­re spä­ter die Augen öff­ne­te, war es für eine Ver­söh­nung zu spät: Alfred Adler starb 1937 in Eng­land an einem Herz­in­farkt.

In der 1971 auf deutsch erschie­ne­nen Hom­mage an sei­nen Leh­rer, “Alfred Adler oder das Elend der Psy­cho­lo­gie”, schrieb Sper­ber in sei­nem Vor­wort:
Fast ein hal­bes Jahr­hun­dert, genau 48 Jah­re, ist es her, daß die­ser sokra­ti­sche Dia­lo­gist mich ins Gespräch gezo­gen hat. Es hat kaum mehr als ein Jahr­zehnt gedau­ert. Nun, da ich mich anschi­cke, über ihn und sei­ne Leh­re* zu schrei­ben und noch weit aus­führ­li­cher über die Psy­cho­lo­gie als ange­wand­te Men­schen­kennt­nis, wie sie sich mir heu­te dar­stellt, anbie­tet und zugleich ver­wei­gert, steigt die Erin­ne­rung an jene fer­ne Zeit und an jenen klei­nen gro­ßen Mann über­mäch­tig in mir auf.

Man­nig­fa­che Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten, alle Bit­ter­nis eines Zer­würf­nis­ses, der stum­me Bruch schließ­lich, den er gewollt und fünf Jah­re vor sei­nem ver­früh­ten Tod her­bei­ge­führt hat, nichts von alle­dem ver­min­dert die Gewiß­heit, die ich an einem kal­ten Herbst­abend im Jah­re 1921 gewon­nen habe: die Gewiß­heit, daß Alfred Adler sei­nen Jün­gern, solan­ge er ihnen ver­trau­te und sich von ihrem Ver­trau­en getra­gen fühl­te, ein unver­gleich­li­cher Leh­rer, Meis­ter und Freund gewe­sen ist. Von ihm erfuh­ren sie ein für alle­mal, daß Mei­nung nichts ist im Ver­gleich zum Wis­sen und daß alles Wis­sen Stück­werk bleibt ohne das Ver­ste­hen. Er lehr­te jeden, die eige­ne Unzu­läng­lich­keit zu erken­nen und zugleich sich mit ihr so abzu­fin­den, daß er fähig wür­de, sie zu über­win­den, zu kom­pen­sie­ren oder gar zu über­kom­pen­sie­ren. Im glei­chen Atem­zug belehr­te er uns über die unfaß­li­che Nich­tig­keit und über die unüber­treff­li­che Grö­ße des Men­schen.

In sei­nen bes­ten Stun­den bewies Adler durch das Bei­spiel, das er gab und das er sel­ber sein konn­te, daß, wer die Men­schen in schmerz­li­cher Iro­nie durch­schaut hat, sie nicht nur trotz­dem, son­dern eben des­we­gen lie­ben kann.

Unter der fort­dau­ern­den Wir­kung die­ser sei­ner bes­ten Stun­den, die ich vor Jahr­zehn­ten erlebt habe, und im Geden­ken an sie schrei­be ich die­ses Buch.

1933 war Manès Sper­ber voll in die klan­des­ti­ne Arbeit der KPD inte­griert und ver­steck­te auf Wunsch von Genos­sen ein paar Revol­ver in einem Couch-Unter­ge­stell. Am 14. März mor­gens erhielt er unge­be­te­nen Besuch von SA-Leu­ten, Poli­zis­ten eines neu­ge­bil­de­ten “Kom­man­dos zur beson­de­ren Ver­fü­gung” und einer jun­gen Frau, offen­sicht­lich eine poli­ti­sche Kom­mis­sa­rin. Las­sen wir ihn die dra­ma­ti­schen Momen­te sel­ber erzäh­len:
Sie unter­such­ten die gan­ze Woh­nung, inter­es­sier­ten sich für alle Papie­re, Manu­skrip­te, Brie­fe, am meis­ten für Pho­tos von ein­zel­nen und noch mehr für Grup­pen­auf­nah­men. Sie stö­ber­ten unter mei­nen Büchern, ein SA-Mann stieß Sie­ges­ru­fe aus, wenn er auf einem Buch­rü­cken einen sla­wi­schen Namen ent­deck­te. Das Fräu­lein mit der Haken­kreuz­bin­de am Arm klär­te ihn unwirsch auf, daß Dos­to­jew­ski kein Bol­sche­wist war. Sie ris­sen die Laken von mei­ner Couch, einer öff­ne­te das Gestell. Ein Schu­po beglei­te­te mich ins Bade­zim­mer: »Machen Sie sich mal fer­tig — für alle Fäl­le, denn wenn gegen Sie nichts vor­liegt, neh­men wir Sie gar nicht mit.« Ich erwar­te­te jeden Augen­blick einen Schrei ..
doch er hat­te Glück, die Revol­ver blie­ben unent­deckt.

Sper­ber hin­ge­gen wur­de abge­führt:
Mei­ne Eskor­te — ein Poli­zei­in­spek­tor in Zivil, zwei Schu­pos, vier SA-Män­ner und das jun­ge Mäd­chen führ­te mich auf den nahe­ge­le­ge­nen Platz, von dem wil­de Rufe und höh­ni­sches Geläch­ter bis in mei­ne Stra­ße dran­gen. Nahe am Ran­de des Plat­zes hielt ein offe­ner Last­wa­gen, auf dem eini­ge Rei­hen Bän­ke stan­den, Ver­haf­te­te saßen dar­auf, nur Män­ner, das Gesicht zum Platz gewandt; sie gehör­ten gewiß alle zur Künst­ler­ko­lo­nie, waren in mei­nem Alter oder nur wenig älter. Fünf Män­ner in jeder Rei­he, stumm, in sich gekehrt; die am Ran­de saßen waren zer­zaust, eini­ge blu­te­ten leicht aus Mund und Stirn.
Man stieß mich hin­auf, ich muß­te mich auf die letz­te Bank set­zen. An die 30 bis 40 Män­ner und Frau­en umstan­den den Wagen in losen Grup­pen, fast kei­ne Kin­der und nur weni­ge Jugend­li­che. SA-Leu­te gin­gen von Grup­pe zu Grup­pe und klär­ten sie dar­über auf, daß wir da oben bol­sche­wis­ti­sche Ver­bre­cher, Brand­stif­ter, Ver­rä­ter wären, eine schänd­li­che Brut, eine Pest­beu­le am deut­schen Volks­kör­per, die man end­lich aus­bren­nen wür­de aber gründ­lich. Das Pul­ver war zu gut für uns, uns erwar­te­te der Strick oder das Beil.

Von die­ser Ver­haf­tung hat sich ein Foto erhal­ten. Sper­ber fin­det sich in der Mit­te der Rei­he:

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 26. April

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