Die Jahre, die Aldous Huxley in den Vereinigten Staaten verbrachte (1937–1963), erscheinen heute aus innenpolitischer Sicht als stabil. Die Präsidenten Roosevelt, Truman, Eisenhower und Kennedy führten das Land mehr oder weniger umsichtig durch Wirtschaftskrise, zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg. Zwar hatte der Kampf um die Aufhebung der Rassentrennung seit den 50er-Jahren an Fahrt aufgenommen, aber die innenpolitische Zerreissprobe durch den Vietnamkrieg stand noch bevor.
Trotzdem stand Huxley dem politischen Betrieb in den USA zutiefst skeptisch gegenüber. Er hatte sich intensiv mit den neuen Marketing-Methoden in der Wirtschaft mit ihrem grossen Manipulations-Potential auseinandergesetzt — gerade war
das Buch “Die geheimen Verführer” von Vance Packard erschienen — und erkannte, dass sie auch in der Politik eine immer grössere Rolle zu spielen begannen:
In der westlichen Welt werden die demokratischen Grundsätze laut verkündet, und viele tüchtige und gewissenhafte Publizisten tun ihr Möglichstes, die Wähler mit ausreichender Information zu versorgen und sie durch vernünftige Beweisgründe zu bewegen, im Licht dieser Informationen eine realistische Wahl zu treffen. Das alles ist durchaus ehrenwert.
Leider aber hat die Propaganda in den westlichen Demokratien, vor allem in Amerika, zwei Gesichter und eine gespaltene Persönlichkeit. Die Leitung des redaktionellen Teils hat oft ein demokratischer Dr. Jekyll inne – ein Propagandist, welcher glücklich wäre, beweisen zu können, dass John Dewey recht hatte, als er der menschlichen Natur die Fähigkeit unterstellte, auf Wahrheit und Vernunft zu reagieren. Diesem würdigen Mann untersteht
aber nur eben ein Teil der Maschinerie der Massenkommunikation.
Als Leiter des Anzeigenteils finden wir einen antidemokratischen, weil antirationalen Mister Hyde – oder vielmehr einen Dr. Hyde, denn Hyde ist heutzutage Dr. der Psychologie und besitzt auch das Doktordiplom der Sozialwissenschaften. Dieser Dr. Hyde wäre wahrhaftig äußerst betrübt, wenn jedermann das Vertrauen John Deweys auf die menschliche Natur rechtfertigte. Wahrheit und Vernunft sind Jekylls Sache, nicht die seine. Dr. Hyde ist Motivationsanalytiker, und seine Sache ist es, menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten zu studieren, jene unbewussten Begierden und Befürchtungen zu untersuchen, von denen so viel an bewusstem Denken und offenem Handeln der Menschen bestimmt wird. Und er tut dies nicht im Sinn des Moralisten, welcher die Menschen bessern, oder des Arztes, welcher ihre Gesundheit fördern möchte, sondern einfach, um den besten Weg zu finden, aus ihrer Unwissenheit Vorteil zu ziehen (…)
Die Menschen handeln auf sehr viele verschiedene unvernünftige Weisen, aber, wenn ihnen eine Möglichkeit geboten und das verfügbare Tatsachenmaterial zugänglich gemacht wird, scheinen sie alle fähig zu sein, eine vernünftige Wahl zu treffen. Demokratische Einrichtungen lassen sich nur dann verwirklichen, wenn alle, die es angeht, ihr Möglichstes tun, Wissen zu verbreiten und Vernunft zu ermutigen. Heutzutage aber ziehen es die Politiker und ihre Propagandisten in den Demokratien, vor allem in der mächtigsten von ihnen, vor, demokratische Verfahren zum Gespött zu machen, indem sie sich fast ausschließlich an die Unwissenheit und Unvernunft der Wähler wenden. (…)
Unter der neuen Glaubenslehre haben politische Grundsätze und Pläne für bestimmte Aktionen den größten Teil ihrer Bedeutung allmählich verloren. Die Persönlichkeit des Kandidaten und die Art, wie er von den Werbefachleuten projiziert wird, das sind die Dinge, auf die es wirklich ankommt. Auf die eine oder andere Art, als kraftvoller Mannskerl oder gütiger Vater, muss der Kandidat eindrucksvoll sein. Er muss auch ein Unterhaltungskünstler sein, der sein Publikum nie langweilt. Aufgewachsen mit Rundfunk und Fernsehen, ist dieses Publikum gewöhnt, zerstreut zu werden, und hat es nicht gern, wenn man von ihm verlangt, sich zu konzentrieren oder eine längere geistige Anstrengung zu machen. Alle Reden des Unterhaltungskünstler-Kandidaten müssen daher knapp und knallig sein. Die großen Tagesfragen müssen in höchstens fünf Minuten behandelt werden – und lieber noch (da die Zuhörerschaft gern zu etwas Unterhaltsamerem als Inflation oder Wasserstoffbombe weitergehen möchte) in ganzen sechzig Sekunden.
Das Wesen der Redekunst ist so beschaffen, dass bei Politikern und Geistlichen stets die Neigung vorhanden war, verwickelte Fragen übermäßig zu vereinfachen. Von der Kanzel oder der Tribüne herab findet es auch der gewissenhafteste Redner schwer, die volle Wahrheit zu sagen. Die Methoden, die heute angewendet werden, um den politischen Kandidaten an den Mann oder die Frau zu bringen, als wäre er ein Deodorant, gewährleisten der Wählerschaft geradezu, dass sie nie die volle Wahrheit über irgend etwas zu hören bekommen wird.
Wo stehen wir heute?
In der nächsten Folge schauen wir uns an, was Huxley zur “Erziehung zur Freiheit” zu sagen hat.
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