Die aktu­el­le Trump-Regie­rung und die dahin­ter ste­hen­den pseu­do-christ­li­chen Fana­ti­ker tun zur­zeit alles, um zu bewei­sen, dass die Väter der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung bibel­treue Chris­ten gewe­sen sei­en und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten des­halb auf einem soli­den christ­li­chen Fun­da­ment ste­hen wür­den. Des­halb wird dem Iran-Krieg ein christ­li­ches Män­tel­chen umge­hängt und von Kriegs­mi­nis­ter Pete Hegs­eth der Kreuz­fah­rer-Mythons “Deus vult” zele­briert. Es han­delt sich dabei aller­dings um eine enor­me und üble Geschichts­klit­te­rung mit noch unab­seh­ba­ren Fol­gen, wie der Jour­na­list und gros­se Ken­ner der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­schich­te Thom Hart­mann im unten­ste­hen­den Arti­kel (in Aus­zü­gen) dar­legt.

Es beginnt schon mit der vom Kon­gress 1988 offi­zi­el­le aner­kann­ten Tat­sa­che, dass die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung stark von der “heid­ni­schen” Ver­fas­sung der indi­ge­nen Iro­ke­sen-Kon­fö­de­ra­ti­on beein­flusst wur­de. Vor allem Ben­ja­min Frank­lin und Tho­mas Jef­fer­son stan­den in einem inten­si­ven Gedan­ken­aus­tausch mit iro­ke­si­schen Chiefs. Auch die Archi­ve zur Kor­re­spon­denz der Grün­der­vä­ter zei­gen unmiss­ver­ständ­lich auf, dass sie auf eine strik­te Tren­nung von Reli­gi­on und Staat poch­ten und auch nicht bereit waren, dem Chris­ten­tum eine pri­vi­le­gier­te Stel­lung ein­zu­räu­men. Hier ein Aus­zug aus Hart­manns Arti­kel zu Jef­fer­son:

Tho­mas Jef­fer­son war viel­leicht der­je­ni­ge unter den Grün­der­vä­tern, der am deut­lichs­ten zum Aus­druck brach­te, dass er die Über­nah­me poli­ti­scher Macht durch reli­giö­se Füh­rer als eine unver­hüll­te Bedro­hung für die ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie ansah. Eines sei­ner bekann­tes­ten Zita­te ist in den Stein des Jef­fer­son Memo­ri­als in Washing­ton, D.C. gemei­ßelt:
„ Ich habe auf dem Altar Got­tes ewi­ge Feind­schaft gegen jede Form von Tyran­nei geschwo­ren, die dem Geist des Men­schen auf­er­legt wird.

Moder­ne reli­giö­se Füh­rer, die nach poli­ti­scher Macht stre­ben, füh­ren oft sei­nen Ver­weis auf „auf dem Altar Got­tes“ als Beweis dafür an, dass Jef­fer­son ein streng­gläu­bi­ger Christ war.
Was jedoch im Jef­fer­son Memo­ri­al (und bei fast allen, die das Zitat anfüh­ren) fehlt, ist der Kon­text die­ser Aus­sa­ge: der Brief und die Umstän­de, aus denen sie stammt.

Als Jef­fer­son Vize­prä­si­dent war, nur zwei Mona­te vor der Wahl von 1800, bei der er Prä­si­dent wer­den soll­te, schrieb er an sei­nen lie­ben Freund, den Arzt Ben­ja­min Rush, der als ortho­do­xer Christ begann und spä­ter in sei­nem Leben zum Deis­ten und Unita­ri­er wur­de.
Hier, in einem höchst über­ra­schen­den Kon­text, fin­den wir die wah­re Grund­la­ge eines der berühm­tes­ten Zita­te Jef­fer­sons:

„SEHR GEEHRTER HERR, – … Ich habe Ihnen einen Brief über das Chris­ten­tum ver­spro­chen, den ich nicht ver­ges­sen habe“, schrieb Jef­fer­son und merk­te an, dass er wuss­te, dass eine Dis­kus­si­on die­ses The­mas Öl ins Feu­er der Wahl­kampf­fo­li­tik gie­ßen wür­de, die um ihn her­um tob­te. „Ich weiß nicht, ob dies die genus irri­ta­bi­le vat­um [die zor­ni­gen Pries­ter] ver­söh­nen wür­de, die alle gegen mich zu Fel­de zie­hen. Ihre Feind­se­lig­keit beruht auf zu inter­es­san­ten Grün­den, als dass sie gemil­dert wer­den könn­te.

„Die Täu­schung … bezüg­lich der Klau­sel der Ver­fas­sung, die zwar die Pres­se­frei­heit sicher­te, aber auch die Reli­gi­ons­frei­heit umfass­te, hat­te dem Kle­rus die gro­ße Hoff­nung gege­ben, eine bestimm­te Form des Chris­ten­tums in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten als Staats­re­li­gi­on zu eta­blie­ren; und da jede Sek­te ihre eige­ne Form für die ein­zig wah­re hält, hoff­te viel­leicht jeder auf sei­ne eige­ne, aber beson­ders die Epi­skopa­len und Kon­gre­ga­tio­na­lis­ten.

„Die wie­der­keh­ren­de Ver­nunft unse­res Lan­des droht, ihre Hoff­nun­gen zunich­te zu machen, und sie [die Pre­di­ger] glau­ben, dass jeder Teil der mir anver­trau­ten Macht [wie etwa die Wahl zum Prä­si­den­ten] gegen ihre Plä­ne ein­ge­setzt wer­den wird. Und sie glau­ben zu Recht: Denn ich habe auf dem Altar Got­tes ewi­ge Feind­schaft gegen jede Form der Tyran­nei über den Geist des Men­schen geschwo­ren. Aber das ist alles, was sie von mir zu befürch­ten haben: und ihrer Mei­nung nach ist das auch genug. “ (Her­vor­he­bung hin­zu­ge­fügt)

So begann ein lan­ger und tief­grün­di­ger Brief­wech­sel – haupt­säch­lich über Reli­gi­on – zwi­schen Jef­fer­son und Dr. Rush.

In spä­te­ren Jah­ren stell­te Jef­fer­son, inspi­riert von sei­nen Gesprä­chen mit Rush, das zusam­men, was heu­te als Die Jef­fer­son-Bibel bekannt ist, in der er alle Wun­der aus dem Neu­en Tes­ta­ment strich und Jesus den Lesern als inspi­rier­ten Phi­lo­so­phen prä­sen­tier­te. Sei­ne Jef­fer­son-Bibel ist nach wie vor im Druck und fin­det gro­ßen Anklang, wenn man den Ver­kaufs­zah­len auf amazon.com und den Kom­men­ta­ren der Leser Glau­ben schen­ken darf.

In sei­ner Auto­bio­gra­fie schrieb Jef­fer­son eine inter­es­san­te his­to­ri­sche Anmer­kung über die reli­giö­sen Füh­rer, die nach poli­ti­scher Macht streb­ten und denen er sich direkt ent­ge­gen­stell­te, als er das Gesetz von Vir­gi­nia zur Reli­gi­ons­frei­heit ver­fass­te, und denen sich auch die ande­ren Ver­fas­ser der Ver­fas­sung ent­ge­gen­stell­ten, als sie den Ers­ten Ver­fas­sungs­zu­satz ein­brach­ten, der besagt: „Der Kon­gress darf kein Gesetz erlas­sen, das die Ein­füh­rung einer Staats­re­li­gi­on betrifft oder die freie Aus­übung der­sel­ben ver­bie­tet …“

Über das von ihm ver­fass­te Gesetz von Vir­gi­nia, das die Inspi­ra­ti­on für den Ers­ten Ver­fas­sungs­zu­satz war, merk­te er an:
„Wo die Prä­am­bel [des Vir­gi­nia-Geset­zes zur Reli­gi­ons­frei­heit] erklärt, dass Zwang eine Abwei­chung vom Plan des hei­li­gen Urhe­bers unse­rer Reli­gi­on dar­stellt, wur­de ein Ände­rungs­an­trag gestellt, indem das Wort ‚Jesus Chris­tus‘ ein­ge­fügt wur­de, sodass es lau­ten soll­te: ‚eine Abwei­chung vom Plan Jesu Chris­ti, des hei­li­gen Urhe­bers unse­rer Reli­gi­on.‘
„Die Ein­fü­gung wur­de mit gro­ßer Mehr­heit abge­lehnt, was beweist, dass die­se beab­sich­tig­te, unter dem Man­tel ihres Schut­zes Juden und Hei­den, Chris­ten und Moham­me­da­ner, Hin­dus und Ungläu­bi­ge jeder Kon­fes­si­on zu erfas­sen.“

Doch für Jef­fer­son ging es nicht nur um reli­giö­se Tole­ranz – es ging dar­um, zu ver­hin­dern, dass eine ein­zel­ne Reli­gi­on für sich bean­spruch­te, die ein­zig wah­re ame­ri­ka­ni­sche Reli­gi­on zu sein, und die­sen Anspruch dann nutz­te, um poli­ti­sche Macht an sich zu rei­ßen. (…)

In sei­nen „Notes On Vir­gi­nia“ leg­te Jef­fer­son dies klar dar:
„Die legi­ti­men Befug­nis­se der Regie­rung erstre­cken sich nur auf sol­che Hand­lun­gen, die ande­ren Scha­den zufü­gen. Aber es fügt mir kei­nen Scha­den zu, wenn mein Nach­bar sagt, es gäbe zwan­zig Göt­ter oder gar kei­nen Gott. Das stiehlt mir weder mein Geld noch bricht mir ein Bein.“

Am kom­men­den Frei­tag, den 10. April, schau­en wir uns an, was Hart­mann zu Frank­lin, Madi­son und Washing­ton zu sagen hat.

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