Wer sich in den Essays Hux­leys zu den The­men Wis­sen­schaft, Poli­tik, Wirt­schaft und Gesell­schaft umschaut, ist immer wie­der erstaunt über die Aktua­li­tät vie­ler sei­ner Über­le­gun­gen und Beob­ach­tun­gen gera­de heu­te. Davon zeu­gen auch die fol­gen­den Aus­zü­ge aus sei­nem 1946 erschie­ne­nen Buch “Sci­ence, Liber­ty and Peace” zum The­ma Fort­schritts­glau­ben und  Wissenschaftsgläubigkeit:

Der stän­di­ge Fort­schritt von Wis­sen­schaft und Tech­nik hat das vor­herr­schen­de geis­ti­ge Kli­ma tief­grei­fend ver­än­dert. Die grund­le­gen­den Pos­tu­la­te des Den­kens haben sich ver­än­dert, so dass das, was unse­ren Vätern offen­sicht­lich wahr und wich­tig erschien, uns ent­we­der als falsch oder als unwich­tig und neben­säch­lich erscheint. Betrach­ten wir eini­ge der wich­tigs­ten die­ser Ver­än­de­run­gen und ihre Aus­wir­kun­gen auf das sozia­le und poli­ti­sche Leben unse­rer Zeit. …

Die Errun­gen­schaf­ten auf dem Gebiet der For­schung und Tech­no­lo­gie sind kumu­la­tiv; jede Gene­ra­ti­on beginnt dort, wo ihre Vor­gän­ge­rin auf­ge­hört hat. Außer­dem wur­den die Ergeb­nis­se der unei­gen­nüt­zi­gen For­schung von Anfang an so ange­wandt, dass die Ober- und Mit­tel­schich­ten aller indus­tria­li­sier­ten Gesell­schaf­ten immer rei­cher wur­den. Es war daher nur zu erwar­ten, dass die aus die­sen Schich­ten stam­men­den Berufs­den­ker, die mit den Metho­den und Errun­gen­schaf­ten der Wis­sen­schaft ver­traut waren, auf der Grund­la­ge der Fak­ten des tech­ni­schen und wirt­schaft­li­chen Fort­schritts eine all­ge­mei­ne Theo­rie des mensch­li­chen Lebens aufstellten.

Die Welt, so behaup­te­ten sie, wer­de mate­ri­ell, intel­lek­tu­ell und mora­lisch immer bes­ser, und die­se Ver­bes­se­rung sei in gewis­ser Wei­se unver­meid­lich. Die Theo­rie des Fort­schritts — eine Theo­rie, die bald zu einem Dog­ma, ja zu einem Axi­om des Volks­den­kens wur­de — war neu und aus ortho­do­xer christ­li­cher Sicht ket­ze­risch. Für die Ortho­do­xie war der Mensch ein gefal­le­nes Wesen. Die Mensch­heit war … grund­sätz­lich schlecht, mit einer Schlech­tig­keit, die nur durch die Gna­de in Zusam­men­ar­beit mit dem frei­en Wil­len des Ein­zel­nen gemil­dert wer­den konn­te. Um dies zu ver­deut­li­chen, soll­ten wir uns anse­hen, wie das drei­zehn­te Jahr­hun­dert von denen, die es erlebt haben, und von den heu­ti­gen His­to­ri­kern gese­hen wird. Für die letz­te­ren scheint es eine der glor­reichs­ten Peri­oden der euro­päi­schen Geschich­te gewe­sen zu sein; die ers­te­ren betrach­te­ten es ein­hel­lig … als ein Zeit­al­ter beson­de­rer Schlech­tig­keit und offen­kun­di­ger Ent­ar­tung. Selbst zur Zeit von Köni­gin Eli­sa­beth spra­chen nach­denk­li­che Men­schen noch vom Nie­der­gang der Mensch­heit. Erst im spä­ten sieb­zehn­ten Jahr­hun­dert (dem Zeit­al­ter des Auf­kom­mens der moder­nen Wis­sen­schaf­ten) wur­de der Ton der über­schwäng­li­chen Selbst­be­weih­räu­che­rung ange­schla­gen, erst im acht­zehn­ten und neun­zehn­ten Jahr­hun­dert wur­de das Dog­ma des unver­meid­li­chen Fort­schritts zum Volksglauben.

Der Glau­be an den all­sei­ti­gen Fort­schritt basiert auf dem Wunsch­traum, dass man etwas für nichts bekom­men kann. Ihm liegt die Annah­me zugrun­de, dass Gewin­ne in einem Bereich nicht durch Ver­lus­te in ande­ren Berei­chen erkauft wer­den müs­sen. Für die alten Grie­chen war Hybris oder Anma­ßung, ob sie sich nun gegen die Göt­ter, die Mit­men­schen oder die Natur rich­te­te, frü­her oder spä­ter auf die eine oder ande­re Wei­se von der rächen­den Neme­sis geahn­det wor­den. Anders als die Grie­chen glau­ben wir im zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert, dass wir unge­straft frech sein können.

Unser Glau­be an das Dog­ma des unaus­weich­li­chen Fort­schritts ist so stark, dass er zwei Welt­krie­ge über­stan­den hat und trotz Tota­li­ta­ris­mus und Wie­der­be­le­bung der Skla­ve­rei, trotz Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und Bom­bar­de­ments noch immer blüht.

Der Fort­schritts­glau­be hat das zeit­ge­nös­si­sche poli­ti­sche Leben beein­flusst, indem er die alte jüdi­sche und christ­li­che Apo­ka­lyp­tik in moder­ner, pseu­do­wis­sen­schaft­li­cher und dies­sei­ti­ger Form wie­der­be­lebt und popu­lär gemacht hat. Die Mensch­heit erwar­tet ein glor­rei­ches Schick­sal, ein kom­men­des Gol­de­nes Zeit­al­ter, in dem immer raf­fi­nier­te­re Erfin­dun­gen, groß­ar­ti­ge­re Plä­ne und aus­ge­klü­gel­te­re sozia­le Ein­rich­tun­gen eine Ras­se bes­se­rer und intel­li­gen­te­rer Men­schen her­vor­ge­bracht haben wer­den. Das end­gül­ti­ge Ende des Men­schen liegt nicht im ewi­gen zeit­lo­sen Jetzt, son­dern in einer nicht all­zu fer­nen uto­pi­schen Zukunft. Um den Frie­den und das Glück ihrer Ur-Ur-Enkel zu sichern, soll­ten die Mas­sen jedes Maß an Krieg und Skla­ve­rei, an Leid und mora­li­schem Übel in der Gegen­wart akzep­tie­ren und ihre Herr­scher brau­chen kei­ne Skru­pel zu haben, es ihnen aufzuzwingen. 

Es ist eine höchst bezeich­nen­de Tat­sa­che, dass alle moder­nen Dik­ta­to­ren, ob von der Rech­ten oder von der Lin­ken, unauf­hör­lich von der gol­de­nen Zukunft reden und die grau­sams­ten Taten hier und jetzt mit der Begrün­dung recht­fer­ti­gen, sie sei­en Mit­tel zu die­sem glor­rei­chen Ziel. (Putin und Trump las­sen grüs­sen …) Aber eines wis­sen wir alle über die Zukunft: Wir wis­sen nicht, was gesche­hen wird, und was tat­säch­lich geschieht, unter­schei­det sich oft sehr von dem, was wir erwar­tet haben. Folg­lich muss jeder Glau­be, der sich auf hypo­the­ti­sche Ereig­nis­se in fer­ner Zukunft stützt, in der Natur der Sache immer hoff­nungs­los unrea­lis­tisch sein.In der Pra­xis ist der Glau­be an eine grö­ße­re und bes­se­re Zukunft einer der stärks­ten Fein­de der gegen­wär­ti­gen Frei­heit; denn die Herr­scher füh­len sich berech­tigt, ihren Unter­ta­nen die unge­heu­er­lichs­ten Tyran­nei­en auf­zu­er­le­gen, um der völ­lig ima­gi­nä­ren Früch­te wil­len, die die­se Tyran­nei­en (nur ein impli­zi­ter Fort­schritts­glau­be kann sagen, war­um) irgend­wann, sagen wir im ein­und­zwan­zigs­ten oder zwei­und­zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert, tra­gen sollen.

Was Hux­ley zum The­ma “Wis­sen­schafts­gläu­big­keit” zu sagen hat, erfah­ren wir am kom­men­den Sams­tag, den 30. März

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