(Hier sollte eigentlich die nächste “Manès Sperber-Folge” stehen. Sie erscheint am kommenden Samstag, den 28. März)
In seinem Beststeller “A Peoples History of the United States” schildert Howard Zinn unter anderem die grossen Eisenbahnstreiks 1877 und 1894, als die Arbeiter wegen Lohnkürzungen und gefährlichen Arbeitsbedingungen landesweit auf die Strasse gingen. Diese “zweite amerikanische Revolution” (Zinn) wurde von den Eisenbahnbaronen in Zusammenarbeit mit der Regierung auf brutale Weise — mit Einsatz der Bundestruppen — niedergeschlagen.
Diese Eisenbahnoligarchen, welche die Profitmaximierung vor soziale Gerechtigkeit stellten, geraten nun dank
dem neuesten geplanten Buch von Thom Hartmann, “Who Killed the American Dream? The Greatest Political Crime Ever Told”, das im Juni erscheinen wird, überraschend erneut ins Rampenlicht. Hartmann ist den birsfälder.li-Leserinnen als profunder Kenner der Geschichte der USA und unerbittlicher Kritiker der Trump-Regierung seit längerem bekannt. Seine Buchserie “Hidden History of ..” hat Bestseller-Status.
Der Verlag hat im Voraus eine kurze Inhaltsbeschreibung publiziert, und die hat es in sich! Hartmann legt die Wurzeln frei, die dazu führten, dass die amerikanische Demokratie gerade daran ist, sich in ihr negatives Zerrbild zu verwandeln. Hier der ungekürzte Verlagstext:
Jeder Jurastudent in Amerika lernt dieselbe Geschichte. Im Jahr 1886 entschied der Oberste Gerichtshof, dass Unternehmen gemäß dem 14. Zusatzartikel zur Verfassung als juristische Personen gelten, wodurch ihnen
dieselben verfassungsmäßigen Rechte wie Ihnen und mir zustehen. Dies wird als feststehende Tatsache gelehrt. Es wird in Tausenden von Gerichtsverfahren zitiert. Es ist die rechtliche Grundlage für „Citizens United“ und den Würgegriff der Unternehmen auf unsere Demokratie.
Es gibt nur ein Problem. Das ist nie passiert.
Thom Hartmann stieß an einem kalten Wintertag im Jahr 2002 zufällig auf den Tatort, als er in einer Rechtsbibliothek in Vermont stand und den tatsächlichen Band des Obersten Gerichtshofs in den Händen hielt. Er las das Urteil. Dann las er es noch einmal. Etwas stimmte überhaupt nicht. Der Gerichtshof hatte gar nicht über Unternehmensrechte entschieden. Er hatte nicht entschieden, dass Unternehmen Personen seien. Er hatte einen eng gefassten Steuerstreit über Zaunpfähle und kalifornisches Eigentumsrecht beigelegt. Doch direkt über diesem Urteil, in einer sogenannten „Leitnotiz“, behauptete ein einziger Satz, dass Unternehmen nach der Verfassung Personen seien.
Leitnotizen sind kein Gesetz. Das erklärte ihm ein örtlicher Anwalt an jenem Nachmittag.
Wer hat das also geschrieben? Und warum? Und wie wurde ein einziger betrügerischer Satz zur rechtlichen Grundlage der mächtigsten Nation der Welt?
Hier beginnt die Untersuchung.
Was Hartmann aufdeckte, liest sich wie die größte wahre Kriminalgeschichte, die je erzählt wurde. Es gibt einen Drahtzieher, einen korrupten Richter am Obersten Gerichtshof mit einer Ideologie, die darauf ausgerichtet ist, den Superreichen zu dienen. Es gibt einen Ausführenden, einen Gerichtsschreiber, der genau wusste, was er schrieb und warum. Und hinter beiden, die Fäden ziehend, Eisenbahnoligarchen, reicher als ganze Nationen, die jahrzehntelang versucht hatten, die Verfassung zu kapern, und endlich ihre Chance gefunden hatten.
Sie begingen das Verbrechen am helllichten Tag. Hielten es in offiziellen Dokumenten fest. Und vergruben es 140 Jahre lang in aller Öffentlichkeit.
Aber hier ist, was dies zu mehr als einer Geschichtsstunde macht. Sie erleben gerade die Nachwirkungen. Als die Babyboomer in ihren 30ern waren, besaßen sie 21,3 Prozent des nationalen Vermögens. Die Millennials von heute, etwa die gleiche Anzahl von Menschen im gleichen Alter, besitzen 4,6 Prozent. Ihre Eltern kauften Häuser von einem einzigen Einkommen. Ihre Großeltern gingen mit einer Rente in den Ruhestand. Das war kein Glück. Das war Politik.
Und als dieser betrügerische Satz durch die Reagan-Revolution als Waffe eingesetzt wurde, wurde diese Welt systematisch auseinandergenommen. Die Löhne stagnierten. Die Immobilienpreise explodierten. Das Gesundheitswesen wurde zur Hauptursache für Insolvenzen. Studienkredite begruben eine ganze Generation. Gewerkschaften wurden zerschlagen. Fabriken wurden ins Ausland verlagert.
Jedes Detail davon lässt sich auf diesen einen gefälschten Satz zurückführen, der 1886 geschrieben wurde.
Hartmann folgt den Beweisen, wohin sie auch führen. Er nennt die Verdächtigen, deckt das Motiv auf und rekonstruiert die Vertuschung, die dieses Verbrechen über ein Jahrhundert lang ungestraft bleiben ließ. Er zeigt, wie zwei progressive Epochen bewiesen, dass ein anderes Amerika möglich war, wie FDR die größte Mittelschicht der Weltgeschichte aufbaute, indem er die Macht der Konzerne zügelte, und wie die 1886 geschmiedeten Waffen schließlich dazu benutzt wurden, all das zu zerstören.
Und schließlich legt er dar, wie wir den Fall ein für alle Mal lösen können.
Der amerikanische Traum ging nicht verloren. Er wurde ermordet. Die Verdächtigen sind identifiziert. Die Beweise liegen auf dem Tisch.
Jetzt ist es Zeit für Gerechtigkeit.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 27. März
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