Das letz­te Kurz­por­trait in Sper­bers “Chur­ban” ist dem in Odes­sa gebo­re­nen und in der Ukrai­ne auf­ge­wach­se­nen Dich­ter und Schrift­stel­ler Isaak Babel gewid­met. Erschüt­ternd die Schil­de­rung Sper­bers des schreck­li­chen Trau­mas, das der elf­jäh­ri­ge Babel eines Tages erlei­det. Hier der Text in vol­ler Län­ge:
Da ist er, an die­sem Sonn­tag­mor­gen: Isaak, der elf­jäh­ri­ge Sohn des Manys Babel. Er läuft durch die Stra­ßen der ukrai­ni­schen Stadt Niko­la­jew, denn er hat ein Ren­dez­vous mit dem Glück. In die­sen Okto­ber­ta­gen rei­fen sei­ne kühns­ten Hoff­nun­gen und wer­den wun­der­ba­re Wirk­lich­keit: der jüdi­sche Kna­be hat es end­lich erreicht. Zwei­mal hat er das Hin­der­nis­ren­nen des Nume­rus clau­sus gewon­nen, zwei­mal hat er mit den bes­ten Noten die Prü­fun­gen bestan­den: er ist nun end­lich ein rus­si­scher Gym­na­si­ast … Und noch Grö­ße­res geschieht: ein Mani­fest des Zaren ver­spricht dem Rei­che eine Kon­sti­tu­ti­on, allen Bür­gern die Frei­heit, die Gleich­heit… Und die Nach­ba­rin, die Gat­tin eines Offi­ziers, hat dem Kna­ben zuge­lä­chelt. Gali­na heißt sie, sie ist die Schön­heit, die Hel­din aller Gedich­te, mit denen der Jun­ge sei­ne See­le nährt… Und der alte Onkel Scho­j­le hat ihm einen Tau­ben­schlag geschenkt; der Vater hat ihm das Geld gege­ben, er kann end­lich die Tau­ben kau­fen, der Vogel­händ­ler erwar­tet ihn …

Doch dies­mal ist der Mann kurz ange­bun­den, er will den Juden­bu­ben schnell los­wer­den, denn auch er hat ein Stell­dich­ein: jeden Augen­blick kön­nen die Geweh­re los­knat­tern und den guten Chris­ten eine glück­li­che Bot­schaft ver­kün­den: Um Ruß­land und den Zaren zu ret­ten, wird es jedem frei­ge­stellt, die Häu­ser der Juden zu plün­dern und die Ungläu­bi­gen zu erschla­gen, wenn es sich so ergibt.

Isaak ist zu glück­lich, daher beach­tet er nicht das Geknat­ter der Geweh­re. Der Hau­sie­rer, den er seit lan­gem kennt, ein Mann, der die Leu­te immer zum Lachen bringt, winkt ihn zu sich her­an und läßt sich die Tau­ben zei­gen. Unver­se­hens ent­reißt er sie dem Kin­de und dreht ihnen, einer nach der andern, den Hals ab. Die blu­ti­gen Res­te zer­drückt er auf dem Gesicht des Kna­ben, ehe er davon­eilt, um sich den Pogro­mis­ten zuzu­ge­sel­len.

Wie geblen­det durch das Blut, ein­ge­hüllt in die Fins­ter­nis des mit­täg­li­chen Alp­traums, so läuft der Jun­ge nach Hau­se. Doch das Haus ist leer; im Hof, genau unter­halb des Tau­ben­schlags, strau­chelt er über den Leich­nam Onkel Scho­j­les, die Mör­der haben ihn abscheu­lich ent­stellt. Isaak läuft davon, er sucht die Mut­ter und fin­det sie end­lich bei der Nach­ba­rin. Gali­na wäscht ihm das Gesicht, sie ent­fernt die blu­ti­gen Federn, die an sei­ner Bril­le und an den Haa­ren kle­ben. Er möch­te sich ver­ste­cken, völ­lig ver­schwin­den, doch muß er hin­aus, den Vater holen. Er ent­deckt ihn in der Nähe des Hau­ses, das noch vor weni­gen Stun­den sein Heim gewe­sen ist. Mit­ten auf der Stra­ße kniet Manys Babel im Staub vor dem Kosa­ken­of­fi­zier, den er anfleht, ein­zu­grei­fen, die Plün­de­rer end­lich davon­zu­ja­gen. Der Sohn wird gequäl­ter Zeu­ge der Ernied­ri­gung: er muß zuse­hen, wie der Vater ein Bein des Pfer­des strei­chelt; er muß hören, wie sein Vater jäm­mer­li­che Bit­ten an den Haupt­mann rich­tet, der, hoch zu Roß, nicht ein­mal einen Blick hat für den Gede­mü­tig­ten. End­lich zie­hen die Rei­ter wie­der davon: die Pflicht ruft sie — sie müs­sen die Abwehr­grup­pen der Juden aus­ein­an­der­trei­ben.

Als der Abend ein­bricht, wird Isaak, der mit sei­nem Vater in das Haus der ange­be­te­ten Frau zurück­ge­kom­men ist, von Krämp­fen erfaßt, die kein Mit­tel beru­higt; er erbricht bis zum Mor­gen. Der Arzt rät, ihn sofort zu einem Spe­zia­lis­ten nach Odes­sa zu brin­gen. Es wür­de jeden­falls bes­ser sein, daß das ver­schreck­te Kind nie­mals mehr nach Niko­la­jew zurück­keh­re. Die Fami­lie selbst läßt nichts zurück, wenn sie die­se Stadt auf­gibt, in der sie alles ver­lo­ren hat. Sie wird sich in der Mol­da­wan­ka nie­der­las­sen, im jüdi­schen Elends­vier­tel Odes­sas.

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 28. Febru­ar

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