Im Jahre 1996 erschien ein Buch mit dem etwas aussergewöhnlichen Titel “The Physics of Angels” des englischen Biologen Rupert Sheldrake und des amerikanischen Theologen Matthew Fox. Beide vertreten auf ihren jeweiligen Gebieten neue Forschungsansätze.
Populäre Literatur zu Engeln gab es schon zuhauf — besonders eindrücklich die Erfahrungsberichte der einfachen irischen Hausfrau Lorna Byrne, — aber dass sich ein renommierter Biologe und Theologe sich des Themas “Engel” annehmen würden, war doch bemerkenswert insofern, als es sowohl von wissenschaftlicher wie von kirchlicher Seite mit einer Art “Tabu” belegt war, — und noch ist. Zwar tauchen Engel sowohl im Alten wie im Neuen Testament auf, und (Pseudo)-Dionysius Aeropagita stellte im 6. Jahrhundert die Engelshierarchien vor. Aber das ist halt schon eine Weile her …
Edgar Cayce machte als Fünfjähriger eine Erfahrung, die ihn zutiefst prägen sollte. Dies geschah in einer schweren Zeit für die Familie. Der soeben geborene kleine Bruder starb schon nach zehn Tagen, seine Mutter fiel in eine tiefe Depression, und sein instabiler Vater verschwand für mehrere Wochen.
Edgar und seine Mutter waren allein in der Hütte, als sie unerwartet in Tränen ausbrach und auf den Lehmboden zusammenbrach. Für Edgar war dies bemerkenswert, denn es war das erste Mal, dass er seine Mutter weinen sah. Als er versuchte, sie zu trösten, zog sie ihn auf die Knie, richtete sich selbst auf die Knie auf, legte ihre Hände über seine und begann zu beten. Auch dies war etwas Neues für Edgar, da er zuvor noch niemanden beten gesehen hatte. (…)
Während Carrie betete – und den Herrn inständig um seinen Segen und seine Hilfe in ihrer Not bat –, erlebte Edgar das, was Forscher heute als Hellhörigkeit bezeichnen, also die Fähigkeit, Töne zu hören und wahrzunehmen, die außerhalb des normalen menschlichen Hörbereichs liegen. Obwohl niemand ein Instrument spielte und er und seine Mutter allein im Zimmer waren, hörte Edgar Musik. „Ihre Gebete waren wie Musiknoten“, beschrieb er später diese Erfahrung.
Damals begann auch seine Faszination für die Bibel. Schon bald konnte er sie eigenständig lesen.
Besonders faszinierten ihn die Geschichten des Alten Testaments, die heute als übernatürliche oder übersinnliche Phänomene gelten. Ab seinem zehnten Lebensjahr war eine Bibel selten außer Reichweite, und er las sie jedes Jahr seines Lebens von vorne bis hinten durch. Er trug sie so oft bei sich, dass seine Mutter ihm eine sogenannte „Hintertasche“ an seine Latzhose nähte, um sie auf dem Weg zur Schule und zurück oder bei langen Spaziergängen in den Wald zu schützen.
Als er zwölf Jahre alt war, geschah es:
Die Begegnung mit dem Engel fand in seinem Schlafzimmer statt, nachdem Edgar einen langen Tag damit verbracht hatte, in der Bibel zu lesen und zu fragen, wie er dem Herrn dienen könne. Er hatte mit der Familie zu Abend gegessen und war wie üblich bei Sonnenuntergang zu Bett gegangen. Seine drei jüngeren Schwestern schliefen tief und fest in dem Bett neben ihm, als er plötzlich erwachte und etwas sah, das er als ein mächtiges Licht beschrieb, das durch die Tür hereinströmte.
Edgar Cayce: Ich hatte das Gefühl, als würde ich emporgehoben. Ein herrliches Licht, wie das der aufgehenden Morgensonne, schien den ganzen Raum zu erfüllen, und am Fußende meines Bettes erschien eine Gestalt. Ich war mir sicher, dass es meine Mutter war, und rief nach ihr, doch sie antwortete nicht. Für einen Moment hatte ich Angst, kletterte aus dem Bett und ging in das Zimmer meiner Mutter. Nein, sie hatte nicht gerufen. Kaum war ich wieder auf mein Bett zurückgekehrt, erschien die Gestalt erneut. Dann schien alles herrlich hell – ein Engel oder was auch immer, ich wusste es nicht –, doch sanft und geduldig sprach sie: ‚Deine Gebete sind erhört worden. Dein Wunsch wird in Erfüllung gehen. Bleibe treu. Bleibe dir selbst treu. Hilf den Kranken, den Bedrängten.“
Edgar konnte nicht mehr einschlafen. Stattdessen ging er nach draußen und setzte sich unter seinen Lieblingsweidenbaum, wo er oft hinging, um in der Bibel zu lesen. Er kniete nieder und dankte Gott dafür, dass er seine Gebete erhört und ihm Orientierung in seinem Leben gegeben hatte. Was er tun würde und wie er sich vorbereiten sollte, waren Fragen, die er sich noch nicht gestellt hatte.
Drei Jahre sollten vergehen, bevor er den Mut aufbrachte, jemandem von dem Besuch des Engels zu erzählen. Hätte er dies getan, hätte das Lulu (seine Tante) und den Rest der Familie sicherlich noch mehr beunruhigt, und selbst wenn er sich in der Lage gefühlt hätte, sich einem Verhör zu Hause und dem, das unweigerlich in der Kirche gefolgt wäre, zu stellen, glaubte er nicht, über die Fähigkeit zu verfügen, die Intensität seiner Vision zu vermitteln oder sich dem öffentlichen Spott zu entziehen. „Ich hatte keine Möglichkeit zu wissen, was realer war“, gestand er später, „die Erscheinung der Dame oder das Kissen, auf dem ich meinen Kopf ruhte.“
Es sollten noch viele weitere Jahre vergehen, bevor er seine Vision im größeren Zusammenhang seiner Kindheitserlebnisse verstehen konnte. Edgar kam zu dem Schluss, dass er mit besonderen Fähigkeiten geboren worden war und dass er als Jugendlicher häufig eine Realität erlebte, die jenseits seiner fünf Sinne lag. (aus: Kirkpatrick, True Tales)
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 18. Juli
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