Die wohl erschütterndste Erfahrung Manès Sperbers in seinem langen Leben muss die Erkenntnis gewesen sein, dass sein Engagement in der von Moskau gesteuerten kommunistischen Partei ein tragischer Irrweg gewesen
war. In seiner Laudatio ging Siegfried Lenz auch auf diese Phase in feinfühliger Weise ein:
Manès Sperber war nur einer von Tausenden europäischen Intellektuellen, die damals, als die große Wirtschaftskrise die kapitalistische Welt erbeben ließ, nach Antworten auf die allgemeine Not suchten. Ihr Traum: die Welt in einem kraftvollen revolutionären Aufräumen, in einem »letzten Gefecht« nicht nur vorübergehend, sondern ein für allemal von Existenzangst und Unterdrückung zu befreien — mit jenen Mitteln, die die Sache erforderlich machte. Arthur Koestler, Ignazio Silone, Manès Sperber: Sie stimmten, unabhängig voneinander, darin überein, daß »unbedingt etwas geschehen mußte«, daß aber nichts geschehen würde, wenn nicht sie es herbeiführten, und das heißt, die Kommunistische Partei, die ihren Willen zusammenfaßte, die ihnen ein Mekka anbot und das Heil versprach. »Recht haben ist wichtig«, heißt es in »Tiefer als der Abgrund«, aber »nicht allein sein ist viel wichtiger«. Der suchende, der mitleidende Wanderer, immer Ausschau haltend nach den »Hügeln hinter den Hügeln« — ein oft beschworenes Bild — glaubte wiederum, eine Art Heimat gefunden zu haben.. . »Ich beabsichtigte keineswegs«, sagte er, »ein Berufspolitiker oder — um mit Lenin zu sprechen — ein professioneller Revolutionär zu werden, sondern nur ein Militant, ein aktives Mitglied einer revolutionären Partei.
Nicht allein Manès Sperber, viele seinesgleichen gingen davon aus, daß Geschichte, daß Leben einen Sinn habe, und wenn nicht dies: daß man ihnen dann einen Sinn verleihen müsse; aber welchen? Da in gegenwärtiger Realität nichts dergleichen auszumachen war, kam man überein, für ein sinnerfülltes Dasein in Zukunft tätig zu sein, der Sinn wurde sozusagen zu einer utopischen Größe: Nachdem der Mensch aufgehört haben wird, vom Menschen zu leben, werden wir das letzte strahlende Ziel des geschichtlichen Ganges erreicht haben, das endliche Happyend nach allen leidvollen Weltepochen. Sie handelten im »Namen der Hoffnung«, Männer von enormer Bildung und Erfahrung, die es wohl niemals geglaubt hätten, daß sie eines Tages zu der gleichen Erkenntnis kommen würden wie jener Rubaschow, Koestlers Held aus dem Roman »Sonnenfinsternis«: Nach allen Opfern und Niederlagen erwartet ihn nur das »Achselzucken der Unendlichkeit.
Von manchem Leben möchte man sagen, daß es bis zu einem gewissen Grade einem Zwangskurs folgt, und das heißt, es folgt der vorgegebenen Spur, den eigentümlichen Markierungen, die Risiken und Unwägbarkeiten sind allemal absehbar. So erscheint es als unvermeidlich, daß Manès Sperber, der auch als Marxist dem Prinzip Zweifel die Treue hielt, in Widerspruch zu einer Partei geriet, die immer recht hatte und die, in behaupteter Irrtumslosigkeit, lediglich genehme Wahrheit dekretierte. Lange hat es gedauert, bis er die Souveränität eigenen Erkennens für sich forderte, denn er hatte zuviel investiert und zuviel auf sich genommen: Schutzhaft in Berlin, Emigration nach Jugoslawien, Armut und Bitternis des Exils in Paris. Ihm entging nicht, in welcher Weise die Partei zum Instrument eines gigantischen Machtapparats gemacht wurde, wie so viele andere litt er unter einer unbegreiflichen Taktik, die als Generallinie ausgegeben wurde, doch vorerst konnte er sich zur Trennung nicht entschließen; er arbeitete am Pariser Institut zum Studium des Faschismus, schrieb Artikel und Essays, übernahm Kurierdienste, hielt Vorträge in diesem und jenem Land — überzeugt davon, daß einer größeren Gefahr für Europa begegnet werden müßte, dem sich selbst entlarvenden Faschismus. Als Moskau endlich darin einwilligte, die Volksfrontpolitik zu unterstützen, wurden Manès Sperber und manche seiner Freunde aus einem Zustand des schmerzhaften Haderns erlöst; sie konnten damit beginnen, sozialistische Gruppen und Organisationen, die bis dahin als Hauptfeind galten, für eine Aktionsgemeinschaft gegen den Faschismus zu gewinnen.
Dennoch — bei aller Bedeutung dieser Aufgabe -, der Bruch war angelegt, er mußte erfolgen, da der skeptische Gläubige nicht aufhörte, auf einer Forderung zu bestehen: auf der Unabhängigkeit des eigenen Urteils. Als in Moskau die großen Schauprozesse begannen, als Unschuldige mit den absurdesten Argumenten zu Schuldgeständnissen gepreßt und in den Tod geschickt wurden, gab es keine Wahl mehr; wer die Wahrheit über diese Hexenprozesse kannte und viele kannten sie -, mußte sich entscheiden. Pjatakow und Sinowjew, Kamenjew und Rykow und mit ihnen 1000 andere büßten für Verbrechen, die Stalins Geheimpolizei erfunden hatte; für alle, die sich ihren Verstand bewahrt hatten, eine alptraumhafte Herausforderung. Die Grenze der Selbstverleugnung war erreicht. Der Glaubensabfall von dem »Gott, der keiner war« ging, äußerlich betrachtet, verhältnismäßig still vor sich, fast wie ein Rückzug ins Privatleben. Manès Sperber bekannte indes, daß der Entzug, zu dem er sich als »Hoffnungssüchtiger« entschieden hatte, unerwartete und zum Teil bedrohliche Probleme mit sich brachte: Heimatlosigkeit und Einsamkeit hatte er bereits an sich erfahren, was hinzu kam, das war ein Gefühl der Gegnerschaft gegen sich selbst: Welche Folgen hat mein Irrtum; hab’ ich am Ende mit verraten? »Wer sich selber feind wird’-, so schrieb er, »gerät in Gefahr, jeden Ausblick auf die Zukunft zu verlieren.« Es galt, sich in einem Niemandsland von neuem zu bestimmen, eine Zuflucht zu finden, wo man in Übereinstimmung mit sich selbst handeln konnte; diese Zuflucht wurde für Manès Sperber die Literatur.
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 18. April
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