Zusammenfassend meint Sperber zur Kibbuz-Bewegung: Diese sozialistische Lebensgemeinschaft ist bislang ein jüdisches, ein israelisches Phänomen geblieben, indes so viele ähnliche Bemühungen, insbesondere in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, nach kurzer Zeit elendiglich gescheitert, in ideologischer und persönlicher Zwietracht zusammengebrochen sind.
Das ist eine zu diskutierende Aussage, gerade im Hinblick auf die anarchistischen Bewegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts — sei es in Spanien, sei es in der Ukraine — die zwar tatsächlich nach kurzer Zeit “elendiglich scheiterten”, aber nicht in ideologischer und persönlicher Zwietracht, sondern weil sie von aussen brutal zerstört wurden: in der Ukraine durch die Rote Armee, in Spanien im Zangengriff der stalinistischen Kommunisten und der Falange Francos.
Es scheint im Gegenteil ganz so, dass die Möglichkeit eines herrschaftsfreien und friedlichen Zusammenlebens tief in unserer menschlichen Natur angelegt ist, wenn man ihr nur erlaubt sich zu entfalten. Als die französischen Jesuiten im 17. Jahrhundert in Nordamerika bei den indigenen Völkern ihre Missionsarbeit aufnahmen, war ihr grösster Schock die Konfrontation mit indigenen Gemeinschaften, die — in totalem Gegensatz zum hierarchisch geprägten Frankreich — auf zutiefst
demokratische Weise zusammenlebten. Das bekannteste Beispiel, aber bei weitem nicht das einzige, ist das jahrhundertealte
“Great Law of Peace” des irokesischen Bundes. David Graeber und David Wengrow, die beiden Autoren des Bestsellers “Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit” zeigen darin eindrücklich auf, dass herrschaftsfreies Zusammenleben weltweit immer eine Möglichkeit blieb und das deterministische Geschichtsbild hin zu immer hierarchischeren Strukturen im Laufe der Entwicklung der Menschheit falsch ist.
In der Folge geht Manès Sperber auf die dornenvolle Frage nach einer auf gegenseitiger Achtung basierenden Beziehung zwischen Juden und Christen ein, indem er aus einem an einen christlichen Kollegen gerichteten Brief zitiert:
… »Ja, Ihr Philosemitimus bedrückt mich, erniedrigt mich wie ein Kompliment, das auf einem absurden Mißverständnis beruht und das man überdies weder verdient hat noch verdienen möchte. Sie überschätzten uns Juden in gefährlicher Weise und bestehen darauf, unser ganzes Volk zu lieben. Ich verlange nicht, ich will nicht, daß man uns oder irgendein anderes Volk in dieser Weise liebe …
Was hier gegenüber dem christlichen Kollegen so harsch tönt, ist eine gesunde Reaktion Sperbers auf eine falsche Verklärung des Judentums, die nur die Kehrseite des genauso falschen Judenhasses, des Antisemitismus in seinen vielfältigen Schattierungen ist. Wir erleben dies gerade brandaktuell im “Philosemitismus” breiter evangelikaler Schichten in der MAGA-Bewegung, hinter der sich oft versteckt, manchmal offen zu Tage tretend der Antisemitismus zeigt.
Sperber fährt deshalb nur konsequent fort: Im übrigen ist der Kampf gegen den Antisemitismus Eure Angelegenheit. Bedroht uns dieser Haß manchmal aufs gefährlichste, so ist er doch Eure Krankheit, er ist das Übel, das Euch verfolgt. Zwar hat er uns unsägliche Leiden bereitet, doch besiegen wir ihn ohne Unterlaß. Dies beweisen wir auch dadurch, daß wir frei bleiben von jedem Haß und daß wir uns Euch brüderlich verbunden fühlen bei der Verteidigung aller Werte, die das Dasein des Menschen auf dieser Erde rechtfertigen.
Heute ist das die Stimme eines Peter Beinarts, eines Omri Boehms, eines Rabbi Michael Lerner, eines Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, eines Abraham Joshua Heschel, — aber es ist nicht die Stimme der hasserfüllten Fanatiker, deren Ziel es ist, Israel in ein Gegenstück des iranischen Regimes zu verwandeln.
Sperber in seinem Brief:
>Die Welt gehört euch, doch der Mord erfüllt die Welt. Warum? Gott ist gerecht: aus uns macht er Opfer, aus euch aber Henker.<
Sie werfen mir diese Worte vor, die ich einem jüdischen Jungen in den Mund lege, der von christlichen Waffenbrüdern tödlich verletzt worden ist. Sie rufen mir die Schreckenstaten in Erinnerung, die meine Ahnen im Lande Kanaan begangen haben. Ich habe nichts davon vergessen. Aus diesem Grund habe ich nie auch nur einen einzigen Augenblick vermutet, daß mein Volk des totalen Hasses weniger fähig wäre als irgendein anderes. Jedoch haben wir niemals behauptet, neue, erlöste Menschen zu sein.
Damit hält er uns den Spiegel vor: Sind die Christen tatsächlich “neu” und “erlöst”, wie sie es den Juden gegenüber jahrhundertelang gepredigt haben?
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 31. Januar
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