Bevor der birsfaelder.li-Schreiberling seine Serie zum Thema “Reinkarnation” weiterführt, möchte er kurz auf den Hinweis eines aufmerksamen und kritischen birsfaelder.li-Lesers eingehen, der darauf hinweist, dass auf dem weiten Feld der Psychotherapien/Rückführungen auch viel Dubioses zu finden ist. So verweist er auf Fälle, die vor einiger Zeit in den Medien Schlagzeilen machten, in denen Probanden sich in der Therapie an satanistischen Kindsmissbrauch zu erinnern glaubten. Das führte damals innerhalb der Psychoanalytiker-Gemeinde zu einer intensiven Auseinandersetzung um den Wahrheitsgehalt solcher “Erinnerungen”.
Der Frage, ob es möglich ist, mittels hypnotischer Rückführungen einen echten Einblick in frühere Leben zu erhalten, geht natürlich die Frage voraus, ob es Reinkarnation — also die Entwicklung des homo sapiens sapiens über viele Leben hinweg — überhaupt gibt. Zwar wird das in animistischen und östlichen Religionen als Tatsache vorausgesetzt, aber im Westen ging dieses Konzept mehr oder weniger verloren — einerseits, weil das kirchliche Christentum es schon sehr bald als unvereinbar mit dem christlichen Dogma deklarierte, anderseits, weil die Entwicklung des westlichen Denkens sich mehr und mehr an einem materialistischen Weltbild orientierte.
Heute haben wir im Westen für unsere Lebensgestaltung — etwas vereinfacht zusammengefasst — drei mögliche Weltanschauungen zur Auswahl:
● Wir sind einfach etwas höher entwickelte Tiere, und nach dem physischen Tod gähnt das grosse Nichts. Es gilt, in dieser letztlich absurden menschlichen Existenz einen Sinn herauszudestillieren, der uns vor der Verzweiflung angesichts eines kalten, toten und gefühllosen Universums schützt.
● Wir halten uns an unsere traditionelle kirchlich-christliche Glaubensvorstellung, dass wir unseren physischen Tod in irgendeiner Form überleben und dass unsere Seele in einer Art “Limbo” dahinschlummert, bis wir dann nach dem “Jüngsten Gericht” entweder zur Hölle fahren oder im Himmel auf ewig Harfe spielen dürfen. (ausser in evangelikalen oder ultrakonservativen katholischen Kreisen keine sehr attraktive Perspektive mehr 😉 …)
● Wir fassen — zusammen mit vielen profunden westlichen Denkern und Philosophen und der Kabbala — die Möglichkeit ins Auge, dass wir
a) letztlich spirituelle Wesen sind, die
b) sich auf einem langen Entwicklungsweg befinden und
c) sich auf diesem Entwicklungsweg durch viele Erfahrungen, Irrtümer und Sackgassen hindurch langsam zu reifen und weisen Individuen entwickeln. Zentral ist die absolute Selbstverantwortung für unser Leben, aber es gibt jederzeit Unterstützung aus höheren spirituellen Ebenen.
Die dritte Variante ist für den birsfaelder.li-Schreiberling eindeutig die faszinierendste und interessanteste, und sie wird dank intensiver Feldforschung (Bsp: Ian Stevenson) immer plausibler. Inzwischen ist die Diskussion dazu auch in akademischen Zirkeln
angelangt — Beispiel: “Signs of Reincarnation” von James G. Matlock und Jeffrey Mishlove - und wird nicht mehr nur belächelt und beiseite geschoben.
Eine spannende Frage ist natürlich, ob das Reinkarnationskonzept mit der christlichen Botschaft tatsächlich so unvereinbar ist, wie es die Kirchen seit langem verkünden. Dazu später mehr.
Doch zurück zur Frage, ob Reinkarnation existiert — und wenn ja — Rückführungen in frühere Leben möglich und überhaupt sinnvoll sind. Renommierte Psychiater wie Brian Weiss oder Christopher M. Bache sind von der Tatsache der Reinkarnation überzeugt. Rückführungen können hilfreich für die spirituelle Entwicklung sein, aber auch nicht mehr, und sind manchmal nicht angezeigt. Entscheidend ist, wie wir in diesem Leben mit den Herausforderungen umgehen, die es uns im Hier und Jetzt stellt.
Letztlich muss jede® selber entscheiden, auf welchem Lebensbild er/sie seine Existenz auf diesem schönen blauen Planeten aufbauen will. Wir sind — gottseidank — Wesen mit einem freien Willen (was — nur nebenbei — von einer ganzen Reihe von Neurobiologen, die in einem materialistischen Weltbild verhaftet bleiben, bestritten wird).
Wir kehren in der nächsten Folge zum Buch von Joel Whitton zurück, und dies wie immer am kommenden Freitag, den 29. August.
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Otto Schwarzenbach
Aug. 24, 2025
Danke Max für diese Erläuterungen. Ergänzung für Fans der Variante A: Selbst wenn das Leben auf der Erde gar nicht existierte, was ja das gleiche wäre wie zufällig entstandene Wesen aus toten Proteinen, usw. müsste man sich überlegen was denn der Sinn des ganzen Universums mit seinen Milliarden Galaxien und Abermilliarden Sonnen, Planeten, usw. wäre. Warum gäbe es das? Woher und warum wäre es entstanden? Aus dem Nichts für Nichts? Usw.
Otto