Rudolf Isler, der Autor der Bio­gra­fie “Manès Sper­ber — Zeu­ge des 20. Jahr­hun­derts” hat die gan­ze Dra­ma­tik des Aus­schei­dens Manès Sper­bers aus der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei klar erfasst, wenn er schreibt:
Für Sper­ber scheint es die fol­gen­reichs­te Erfah­rung sei­nes Lebens gewe­sen zu sein, dass er dort die gröss­te Ent­täu­schung erleb­te, wo er sich am meis­ten erhofft hat­te, dass näm­lich der Sozia­lis­mus in Dik­ta­tur und Tyran­nei mit Begleit­erschei­nun­gen wie Gulag, Schau­pro­zes­sen und Säu­be­run­gen ende­te und nicht zur Auf­he­bung von Unge­rech­tig­keit, Ungleich­heit und Elend, zu Frie­den und Volks­bil­dung bei­getra­gen hat­te. … Erich Fried hat durch­aus recht, wenn er sagt, dass Sper­ber bis ans Ende sei­nes Lebens damit beschäf­tigt war, die “trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen” der sta­li­nis­ti­schen Ver­bre­chen zu bewäl­ti­gen. 

Der tie­fe Schmerz, durch den Sper­ber damals ging, ist also der tota­len Zer­trüm­me­rung sei­nes Lebens­ide­als geschul­det: die Errich­tung einer neu­en und gerech­ten Gesell­schafts­ord­nung, die eine freie Ent­wick­lung der Poten­tia­le ermög­li­chen wür­de, die in jedem Men­schen schlum­mern. Rudolf Isler:
Das Errich­ten para­die­si­scher Zustän­de schon auf Erden, um mit einem Bild von Sper­ber zu spre­chen, scheint mir sein bis zu die­sem Zeit­punkt viel­leicht ursprüng­lichs­tes und stärks­tes Motiv zu sein: die säku­la­ri­sier­te, von der Zukunft in die Gegen­wart und von der Erwar­tung in den Bereich des akti­ven Her­bei­füh­rens gehol­te mes­sia­ni­sche Idee. 
(Klam­mer­be­mer­kung: Heu­te fei­ert der Mes­sia­nis­mus — aller­dings in ver­zerr­ter und destruk­ti­ver Form — wie­der Urständ. Stich­wor­te:  Chris­to­fa­schis­mus sowohl in Russ­land als auch in den USA, faschis­to­ider Mes­sia­nis­mus der radi­ka­len Sied­ler­be­we­gung in Isra­el).
Der Bruch mit der Par­tei bedeu­te­te die Tren­nung von der ein­zig denk­ba­ren Bewe­gung, wel­che das Poten­ti­al gehabt hät­te, die Ver­bes­se­rung der Welt zu errei­chen, wel­che das Vehi­kel hät­te sein kön­nen, Uto­pien zu ver­wirk­li­chen — und die­se Tren­nung ver­such­te er zu lan­ge hin­aus­zu­schie­ben. Dadurch wur­de aber nicht nur der Ver­rat der Ideen durch die Par­tei, son­dern vor allem auch die eige­ne Mit­ver­ant­wor­tung für das Schei­tern und die Ver­bre­chen des rea­len Sozia­lis­mus zu einem zen­tra­len The­ma von Sper­bers Werk. (Isler, p. 58)

Wie wei­ter als nun zwei­fa­cher und mit­tel­lo­ser Exi­lant in Paris?
Ein ers­tes Aus­kom­men fand er dank der Ver­mitt­lung von Arthur Koest­ler als “Ghost­wri­ter” für unter­schied­lichs­te Leu­te und The­men. Mit André Mal­raux, dem spä­te­ren Kul­tur-Minis­ter unter de Gaul­le, der zu sei­nem lebens­lan­gen Freund wur­de, erga­ben sich Kon­tak­te zur Pari­ser Intel­li­gent­sia.

Eine neue intel­lek­tu­el­le Hei­mat fand er schliess­lich als Mit­ar­bei­ter einer von Wil­li Mün­zen­berg her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift: Die Zukunft”. Mün­zen­berg, der umtrie­bi­ge und uner­müd­li­che Pro­pa­gan­da-Chef der kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, hat­te inzwi­schen eben­falls zutiefst ent­täuscht mit dem Stalin’schen Ter­ror­re­gime gebro­chen und such­te sei­ne gesell­schaft­li­chen Idea­le mit einem “Drit­ten Weg” zu ret­ten, dem sich alle libe­ral gesinn­ten Schrift­stel­ler, Phi­lo­so­phen und Poli­ti­ker anschlies­sen wür­den. Auch wenn die Zeit­schrift nur bis zum Mai 1940 exis­tier­te, ent­wi­ckel­te sie sich doch inner­halb kür­zes­ter Zeit zu einem eigent­li­chen Leucht­turm unab­hän­gi­gen und krea­ti­ven Den­kens.

Dazu mehr in der nächs­ten Fol­ge am kom­men­den Sams­tag, den 19. Juli

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