Alle wol­len die Schweiz nach ihren Vor­stel­lun­gen gestal­ten. Mög­lichst still und lei­se. Aber wenn es nicht anders geht, laut und schrill, mit Dro­hun­gen. Die Rede ist von den Wirt­schafts­ver­bän­den, den Bau­ern­ver­bän­den, den Patrio­tin­nen und Patrio­ten, von poli­ti­schen Grup­pie­run­gen bis zu gestan­de­nen Par­tei­en.
Ich wage hier einen Ver­such, die Gefah­ren zu skiz­zie­ren.

Ein­stiegs­the­ma: Wie Faschis­mus beginnt.
Jason Stan­ley beschreibt in sei­nem Buch »Wie Faschis­mus funk­tio­niert« (West­end Ver­lag) zehn Merk­ma­le des Faschis­mus. So qua­si ein Merk­blatt, mit dem man Faschis­mus eru­ie­ren könn­te. Ich gehe die ein­zel­nen Punk­te in den noch fol­gen­den Arti­keln mit Bei­spie­len durch. Nicht jeder die­ser Punk­te führt zu Faschis­mus, aber all die­se Punk­te »auf einem Hau­fen«, z.B. bei einer Bewe­gung oder Par­tei, ist mög­li­cher­wei­se der Beginn von Faschis­mus.

Zehn­tens: Der Faschis­mus glaubt, dass Arbeit frei macht.
Arme, Min­der­hei­ten, Flücht­lin­ge und Lin­ke sind von Natur aus faul.

Bei­spie­le:

Das Tor zum Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz steht nicht nur für eines der gröss­ten Ver­bre­chen in der Mensch­heits­ge­schich­te, es zeigt auch die zyni­sche Welt­sicht.
»Arbeit macht frei« steht dort in schwe­ren Eisen­let­tern, ein­ge­fasst in einen schmie­dei­ser­nen Bogen. In dem Lager star­ben zwi­schen 1940 und 1945 1,1 Mil­lio­nen bis 1,5 Mil­lio­nen Men­schen, die aller­meis­ten davon Juden. Der Satz »Arbeit macht frei« ist zum Sym­bol dafür gewor­den.
Und: Jan Liwacz muss­te den Schrift­zug »Arbeit macht frei« schmie­den und ver­steck­te dar­in eine Bot­schaft. Erkannt?

• Armut und Obdach­lo­sig­keit
Aus einer Ana­ly­se der Heils­arm­me: »Ein sozia­les Abglei­ten in eine Obdach­lo­sig­keit muss als Pro­zess ver­stan­den wer­den. Bevor ein Mensch auf der Stras­se lan­det, kommt er zuvor meist
noch bei Bekann­ten oder Fami­lie unter, lebt in unge­nü­gen­den Wohn­ver­hält­nis­sen oder in einer tem­po­rä­ren sozia­len Ein­rich­tung. Wenn zur unge­klär­ten Wohn­si­tua­ti­on zusätz­lich wei­te­re per­sön­li­che und sozia­le Pro­ble­me wie bei­spiels­wei­se eine Sucht­pro­ble­ma­tik, psy­chi­sche Pro­ble­me, eine finan­zi­el­le Not­la­ge oder fami­liä­re Kon­flik­te hin­zu­kom­men, droht eine Obdach­lo­sig­keit.
Ein defi­ni­ti­ver Über­gang in ein Leben ohne Obdach kann für vie­le Betrof­fe­ne zuerst ein­mal eine Befrei­ung sein. Sie ent­le­di­gen sich sämt­li­chen müh­se­li­gen Ver­pflich­tun­gen und dem sozia­len Druck. Frü­her oder spä­ter wer­den sie aber vom har­ten All­tag der Obdach­lo­sig­keit ein­ge­holt und viel­fach davon über­mannt.«
Klar, kann man nun den­ken, dass das einem nicht pas­siert. Aber wahr­schein­lich haben dies vie­le Obdach­lo­se zu Beginn auch gedacht …
Mehr über Obdach­lo­sig­keit fin­den Sie hier.

• Min­dest­lohn
Genau so oder ähn­lich kann das auch zu Sozi­al­hil­fe­be­dürf­tig­keit füh­ren. Arbeits­lo­sig­keit kann aber auch in eine pre­kä­re Lohn­ab­hän­gig­keit füh­ren, für Men­schen, die nicht von der ALV aus­ge­steu­ert wer­den wol­len.
Mit dem nied­ri­gen, pre­kä­ren Lohn ist es nicht mehr mög­lich eine Fami­lie zu ernäh­ren. In eini­gen Kan­to­nen sind Bestre­bun­gen im Gan­ge Min­dest­löh­ne fest­zu­le­gen.
Und schon hat sich der Natio­nal­rat in der Som­mer­ses­si­on damit beschäf­tigt: Soll der Bund kan­to­na­le Min­dest­löh­ne kip­pen kön­nen?
Ja, sagen Wirt­schafts­ver­bän­de und Bür­ger­li­che. Zumin­dest dann, wenn die Sozi­al­part­ner in einem all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Gesamt­ar­beits­ver­trag (GAV) tie­fe­re Löh­ne ver­ein­ba­ren.
Nein, befand Arbeit­ge­ber-Direk­tor Roland A. Mül­ler (62) in einer Anhö­rung der natio­nal­rät­li­chen Wirt­schafts­kom­mis­si­on Ende März. »Man kann von den Arbeit­ge­bern oder von der Wirt­schaft nicht ver­lan­gen, dass sie Exis­tenz­si­che­rung betrei­ben. Irgend­wo hört es auf«, sag­te er gemäss Doku­men­ten, die Blick vor­lie­gen.
»Da muss dann schluss­end­lich die Sozi­al­hil­fe ein­sprin­gen.«
Es gehe hier auch um die wirt­schafts­po­li­ti­sche Leis­tungs­fä­hig­keit der Arbeit­ge­ber­schaft. Das Gan­ze sei eine epi­sche Fra­ge, so Mül­ler. Etwas spä­ter stell­te er in der Dis­kus­si­on noch­mals klar: »Ein rein exis­tenz­si­chern­der Lohn ist nicht die Auf­ga­be der Arbeit­ge­ber. Schliess­lich wür­den die­se die sozia­le Sicher­heit über Unter­neh­mens­steu­ern mit­fi­nan­zie­ren.«*
Also genau wie 2014 Valen­tin Vogt, Prä­si­dent des Schwei­ze­ri­schen Arbeit­ge­ber­ver­bands, zynisch sag­te: »Nicht jeder Lohn kann für eine Fami­lie exis­tenz­si­chernd sein. Wo aus­nahms­wei­se das Haus­halt­ein­kom­men nicht aus­reicht, gewähr­leis­ten Sozi­al­ver­si­che­run­gen und Sozi­al­hil­fe die Exis­tenz­si­che­rung.«
Und wenn damals die FDP-Stän­de­rä­tin Karin Kel­ler-Sut­ter damals auf NZZ-Online sag­te »Löh­ne und Arbeits­be­din­gun­gen sind Ver­hand­lungs­sa­che und lie­gen in der Ver­ant­wor­tung der Sozi­al­part­ner«, dann war das nicht mehr als Abstim­mungs­ge­plap­per. Die Swiss Retail Fede­ra­ti­on, ein Ver­band der Detail­händ­ler, des­sen Prä­si­den­tin sie damals war, wehr­te sich erfolg­reich dage­gen, um einen Gesamt­ar­beits­ver­trag auch nur zu ver­han­deln!
*Er mein­te wohl die Unter­neh­mens­steu­ern, die in der letz­ten Zeit immer wie­der gesenkt wur­den.

Am 17. Juni 2025 hat der Natio­nal­rat mit 109 zu 76 Stim­men ent­schie­den, dass kan­to­na­le Min­dest­löh­ne in gewis­sen Fäl­len gekappt wer­den sol­len. Dies, wenn die Sozi­al­part­ner einen natio­na­len Gesamt­ar­beits­ver­trag (GAV) ver­ein­bart haben und der Bun­des­rat die­sen für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt hat. Dann könn­ten tie­fe­re GAV-Löh­ne auch bes­se­re kan­to­na­le Min­dest­löh­ne über­steu­ern.
Ein Refe­ren­dum der SP Schweiz ist ange­kün­digt.

• Sozi­al­hil­fe
Und hier kommt immer wie­der auch die SVP ins Spiel. Im Juni 2014 wird eine Broschüre publi­ziert, die ziem­lich genau die Mei­nung der SVP zur Sozi­al­hil­fe beschreibt: Miss­brauch und aus­ufern­de Sozi­al­in­dus­trie stop­pen! Hier eine Zusam­men­fas­sung des Inhalts, gene­riert durch den KI-Assis­ten­ten von Ado­be Acro­bat (KI-gene­rier­te Zusam­men­fas­sun­gen kön­nen unge­nau oder irreführend sein. Die Originalbroschüre ist mass­ge­bend).
Nicht irre­füh­rend ist die Fest­stel­lung, dass in der Bro­schü­re die Grün­de für die hohen Sozi­al­hil­fe­kos­ten z.B. im dau­er­haf­ten Ein­kom­mens­er­satz, der Sozi­al­hil­fe als staat­li­cher Lohn­er­satz (sie­he oben Roland A. Mül­ler und Valen­tin Vogt), dem Miss­brauch, den über­höh­ten Leis­tun­gen, den sozi­al­ro­man­ti­schen Exzes­sen, dem hohen Aus­län­der Anteil, den hohen Kos­ten durch Aus­län­der und Asyl­be­wer­bern, usw. gese­hen wird.
Als For­de­run­gen wer­den z.B. ein Ende der Gleich­ma­che­rei, ein Ende der Anspruchs­men­ta­li­tät, die degres­si­ve (abneh­men­de) Sozi­al­hil­fe, die Kop­pe­lung von Auf­ent­halts­be­wil­li­gung und Sozi­al­hil­fe, und mehr oder weni­ger die Abschaf­fung der SKOS auf­ge­stellt.

• Sozi­al­ver­si­chungs­ge­setz­ge­bung
Die Aus­wir­kun­gen rechtsbürgerlicher Poli­tik auf die Sozi­al­ver­si­chungs­ge­setz­ge­bung in der Schweiz wird im hier ver­link­ten Arti­kel dar­ge­stellt. Die Dis­kus­si­on über den Miss­brauch von Sozi­al­leis­tun­gen ist in der Schweiz ein poli­tisch auf­ge­la­de­nes The­ma. Die Posi­tio­nen rechtsbürgerlicher Par­tei­en gewin­nen auf allen Staats­ebe­nen mehr Ein­fluss auf die Sozi­al­po­li­tik. Die vor­lie­gen­de Ana­ly­se beleuch­tet die­se Ent­wick­lung der letz­ten Jah­re in der Schweiz und zeigt anhand von drei Bei­spie­len, wie rechtsbürgerliche For­de­run­gen in Gesetz­ge­bung und Pra­xis umge­setzt wur­den.

• Dass Sozi­al­hil­fe­be­dürf­ti­ge (Arme, Obdach­lo­se, etc.) kein leich­tes Leben haben, dürf­te klar sein. Dass neben allen Unan­nehm­lich­kei­ten sie auch oft durch Behör­den schlecht behan­delt wer­den, ist auch bekannt, sei dies durch lan­ge War­te­zei­ten, kom­pli­zier­te For­mu­la­re, zuwe­nig Daten­schutz, usw.
Aber nicht nur das. Der schla­fen­de Obdach­lo­se auf dem »Bänk­li« dürf­te lang­sam Sel­ten­heits­wert bekom­men. Auch er wird dis­kri­mi­niert. Die neu­en öffent­li­chen Sitz­bän­ke wer­den so gestal­tet, dass ein Lie­gen auf ihnen unmög­lich wird. Sei dies durch eine optisch inter­es­san­te Krüm­mung der Lie­ge­flä­che oder ein­fach durch eine fes­te Arm­leh­ne in der Mit­te der Bank. So qua­si schlaf­wan­delnd in die Kata­stro­phe …

• Zum Schluss
las­sen wir noch ein­mal Jason Stan­ley zu Wort kom­men:
»Trau­ma­ti­sier­te, mit­tel­lo­se Flücht­lin­ge, die mas­sen­haft über die Gren­zen kom­men, benö­ti­gen staat­li­che Hil­fe und Bei­stand, bevor sie in den Arbeits­markt ein­tre­ten kön­nen. Sie bedür­fen die­ser Unter­stüt­zung, um die Spra­che zu ler­nen und, zumin­dest anfangs, Unter­kunft, Ver­pfle­gung und eine Berufs­aus­bil­dung zu erlan­gen. Indem faschis­ti­sche Bewe­gun­gen die Mit­glie­der einer ver­ach­te­ten Min­der­heit einer bru­ta­len Behand­lung unter­zie­hen und sie dann als Flücht­lin­ge über die Gren­zen in ande­re Län­der schi­cken, schaf­fen sie eine Schein­rea­li­tät, die ihre Behaup­tung stützt, dass die Ange­hö­ri­gen die­ser Grup­pe faul und von staat­li­cher Hil­fe oder Klein­kri­mi­na­li­tät abhän­gig sei­en. Mit der­ar­ti­gen Metho­den expor­tie­ren sie zugleich die Bedin­gun­gen, die ihre Poli­tik wirk­sam machen.«

 

Nach zehn Arti­keln zum The­ma Faschis­mus wür­de ich mich über ein paar Kom­men­ta­re sehr freu­en.

Montag, 23. Juni 2025, 06:25 — Alles vorbei
Mattiello am Mittwoch 25/25

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