Am 3. Juli 2025, pünktlich in der ersten Schulferienwoche, bringt die bz Basel unter dem Titel »Das ungleiche Duo für ein neues Zentrum« ein Gespräch mit Gemeindepräsident Christof Hiltmann und Regierungsrat Isaac Reber. Sie unterhalten sich bestens über die »Neue Ortsdurchfahrt«.
Insgesamt geht es darin vor allem um die Rechtfertigung der Massnahmen und auch ein bisschen um das Drohen, was passieren würde, wenn ein Referendum Erfolg hätte.
Hier einige herausgepickte Aussagen:
»Hiltmann: Das vorliegende Projekt berücksichtigt alle Interessen und ja, es ist eine sehr anspruchsvolle Angelegenheit angesichts der vielen Ansprüche, die einprasseln. Es ist eine gute Sache, aber natürlich noch nicht die Lösung für unser Verkehrsproblem.
bz Basel: Das schreibt auch die Kommission: Die neue Ortsdurchfahrt nimmt den Verkehr nicht aus dem Dorf.
Hiltmann: Genau. Bei diesem Projekt geht es in erster Linie um die Optimierung und bessere Steuerung der lokalen Verkehrsströme von Tram, Auto, Velo und Fussverkehr. Neben dem attraktiveren Strassenraum wird auch die Sicherheit für die Passanten markant erhöht.«
Wie ein noch so schöner Strassenraum (wird er das?) mit all dem bleibenden Stau attraktiv sein kann, ist ein Rätsel. Bis heute war die Sicherheit in Strassenraum kein Dorfgespräch. Für Sie?
»bz Basel: Nun ist ja diese Ortsdurchfahrt nicht nur eine kommunale Angelegenheit. Der Landrat soll 77,8 Millionen Franken sprechen, ziemlich sicher kommt es zum Referendum. Die IG Ortsdurchfahrt zerrupft das Projekt.
Hiltmann: Bei so einem Vorhaben ist es nicht erstaunlich, wenn es zu einer Volksabstimmung kommt. Dafür greift es zu stark in die Lebensrealitäten der Menschen ein. Man muss sich aber bewusst sein, was die Alternative ist: Der Kommissionsbericht zeigt klar auf, was bei einer Ablehnung passiert. Für uns wäre das in jeder Hinsicht eine Katastrophe. Es würde nur umgesetzt, was von Gesetzes wegen gemacht werden müsste – aber ohne, dass wir wirklich Mitsprache hätten. Allein weil der Anteil Gleisarbeiten den grössten Teil ausmacht, käme das Eisenbahnrecht zum Tragen. Das heisst, die Basler Verkehrs-Betriebe und der Bund hätten dann weitgehend das Sagen.
bz Basel: Das kommt für Sie nicht infrage?
Hiltmann: Nein, weil unsere Interessen komplett zurückgestellt würden. Darum ist aus unserer Sicht das vorliegende Projekt die Bestvariante. Natürlich gibt es Stimmen, die darauf beharren, dass noch nicht alle Forderungen erfüllt sind. Aber die Realität erfordert einen Kompromiss.
bz Basel: Herr Reber, wäre ein Nein eine Katastrophe?
Reber: Die Alternative ist, dass sich die Arbeiten über Jahre erstrecken werden und es ebenfalls teuer wird. Ein bisschen weniger teuer als jetzt – aber sämtliche Verbesserungen würden ebenfalls wegfallen: die Verkehrssteuerung, die Verflüssigung des Verkehrs, die Sicherheitsmassnahmen, die Aufenthaltsqualität. Was bleibt, wäre ein Wust an Arbeiten, die wir trotzdem machen müssten. Von Trassees über Haltestellen bis zur Strasse und den Werkleitungen.«
So Leute, nun wisst ihr es. Referendum ist eine Katastrophe — vor allem, wenn es angenommen würde.
Eine Alternative sehen beide nicht. Es gibt nur dieses eine Projekt Ortsdurchfahrt der Strassenbauingenieure. Daran gibt es nichts zu schrauben. Offenbar sehen sie auch keine Möglichkeit auf Verbesserungen der »IG Ortsdurchfahrt Birsfelden« einzugehen, z.B. den Verzicht auf die Steilrampe der Birseckstrasse. Darüber wird kein Wort verloren. Dass ein Quartierplan »Am Eck« eingeplant ist, der noch nie vor einer Gemeindeversammlung war, kommt gar nicht zur Sprache.
Aber auch sonst haben die beiden eigentlich keine Visionen. Gut sichtbar wird das bei der Aussage Rebers zu den Möglichkeiten, mit dem Verkehr besser umzugehen.
»Reber: Es gibt zwei Wege, mit dem Verkehr besser umzugehen. Einerseits sind wir ein Nadelöhr und natürlich müssen wir uns überlegen, wie wir das lösen können, ohne die Ortszentren weiter zu belasten. Andererseits müssen wir den Verkehr mindern. Einerseits mit Regulierungen, aber auch mit neuen Angeboten. Meines Erachtens kommt in den nächsten 20 Jahren der Entwicklung von Ortszentren enorm hohe Bedeutung zu.
bz Basel: Das Birsfelder Projekt ist also ein Beispiel für das, was da noch kommt.
Reber: Wir müssen alle Möglichkeiten ausschöpfen. Kurze Wege für Menschen heisst auch, dass andere Verkehrsmittel als das Auto genutzt werden. Kurzum: Wir müssen regional daran arbeiten, die Qualität des Raums so zu verbessern, dass kurze Wege bevorzugt werden.«
Hä!?
Der bessere Umgang mit Verkehr treffend politisiert


Christoph Meury
Juli 5, 2025
Es ist interessant zu erfahren, wie sich die beiden Herren über die Zukunft von Birsfelden unterhalten und ihr persönliches Utopia für Birsfelden entwerfen. Die Sache hat aber offensichtlich einen Haken. Der Faktor Mensch wirkt in ihren Fantasien eher als Störfaktor. Wir sind der Sand im Getriebe.
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Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass der geplante, millionenschwere Eingriff in den Lebensraum der 10’000 Birsfelderinnen und Birsfelder massiv sein wird. Ergo müssten die Planer die Menschen, die hier leben und arbeiten, mit auf die Traumreise der beiden Granden mitnehmen.
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Was ich bei dieser geplanten Grossbaustelle vermisse sind flankierende Massnahmen, wie während der heftigen Bauphase den Menschen eine minimale Lebensqualität zugesichert wird.
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Neben dem bereits vorhanden Durchgangsverkehr, wird über Monate ein endloser Werkverkehr mit Lastwagen, Dumpers, Baggern, etc. nicht nur die Durchfahrt endgültig zum Erliegen bringen, sondern mit all den Emissionen die Lebensqualität der Bevölkerung und das Leben im Zentrum stark tangieren. Daher wäre es mir lieber, wenn die beiden Herren etwas mehr Empathie für die betroffene Bevölkerung aufbringen würden, auch aufzeigen, welche flankierenden Massnahmen ergriffen werden, um einen geordneten Alltag zu garantieren und beispielsweise auch das Überleben der wenigen Läden entlang der Hauptstrasse sicher zu stellen.
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Das neue schöne Birsfelden, welches uns versprochen wird, hat auch einen Preis, der nicht Isaac Reber in Sissach und Liestal bezahlen muss, sondern die real hier lebenden Menschen ertragen müssen. Darüber möchte ich mehr erfahren und zwar bevor das Schlamassel vor der eigenen Haustüre und im Dorfzentrum als Fait accompli erlebbar sein wird. Also braucht es auch einen «Überlebensplan« für die Bevölkerung.