Lieber Ueli, lieber Max, lieber Florian,
Bartleby war mir schon immer sympathisch, weil er so etwas wie einen sanften Anarchismus lebte. Das einzige aber, das ich mit ihm gemeinsam hatte, war die Arbeit in einem »Dead Letter Office« (einem Büro für unzustellbare Briefe), dem Birsfälderpünggtli. Das Ende von Bartleby möchte ich allerdings, bei aller Sympathie, nicht teilen!
»Dead Letter Office« hiess für mich: Meine Briefe (Artikel) wurden zwar zugestellt, manchmal sogar gelesen, nur die Wirkung war meist kaum spürbar. Es gab jeweils kaum oder nur wenige Kommentare. Von Diskussionen zu den jeweiligen Problemen kaum eine Spur.
Das lag nicht an euch, an euerem Lob oder Nichtlob, sondern viel mehr an den Nichtreaktionen der Birsfelder Leserinnen und Leser, ganz zu schweigen von den Politikerinnen und Politikern (gibt es das in Birsfelden eigentlich überhaupt noch — ausser vor den Wahlen?).
Ich bin, wenn ich auf die zum Teil recht aufwändige Arbeit zurückschaue von meiner Lesendenschaft enttäuscht. Denn viele Themen hätten zustimmende oder kontroverse Kommentare durchaus verdient. Nicht als »Dankeschön für den Schreiber«, sondern als Auftakt zur Diskussion und Auseinandersetzung mit den Themen!
Vielleicht liegt das ja an mir. Nur sagt mir das natürlich niemand. Und so frage ich mich wieder einmal: Was soll das eigentlich? Hätte ich nicht Befriedigenderes zu tun?
Doch! Ja!
Und so werde ich meine Arbeit für das Birsfälderpünggtli ein drittes Mal einstellen. Dies ab
16. Juni 2026. Wenn diese Abstimmungen vorbei sind, ist es auch für mich vorbei.
Ich denke, das wird kaum jemanden interessieren, ausser die Redaktionskollegen.
Mit eme häärzlige Gruess
Franz
PS. Ihr werdet mich als kritischen Leser und Kommentator behalten, eventuell von Fall zu Fall als Gastautor oder Tippgeber — aber ohne Verpflichtung und ohne Regelmässigkeit …
Ja, ich weiss, es ist nicht mein erster Abschied. Und so kann ich auf ein Stelleninserat zurückgreifen, das ich bei meinem letzten Abschied schon erfolglos geschaltet hatte …
Und zum Schluss noch dies:
»Ein Abschied schmerzt immer,
auch wenn man sich schon lange darauf freut!«
(Arthur Schnitzler)


Christoph Meury
Juni 2, 2026
Lieber Franz
Du schreibst:
«Bartleby war mir schon immer sympathisch, weil er so etwas wie einen sanften Anarchismus lebte. Das Einzige aber, das ich mit ihm gemeinsam hatte, war die Arbeit in einem Dead Letter Office (einem Büro für unzustellbare Briefe), dem Birsfälderpünggtli. Das Ende von Bartleby möchte ich allerdings, bei aller Sympathie, nicht teilen!»
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Ich habe dich gelegentlich eher als Robin Hood gesehen. Als Wegelagerer, der nicht habgierige Geistliche oder Adelige beraubte, sondern mit mahnendem Finger auf Fehlentwicklungen und moralische Defizite hinwies. Quasi als Vorkämpfer für moralische Gerechtigkeit oder als Urtypus des «edlen Räubers». Manchmal etwas schulmeisterlich und moralinsäuerlich, aber immer einer gerechten Sache dienend.
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Deine sorgfältig recherchierten Beiträge werden fehlen. Als Stein des Anstosses hinterlässt du eine mentale Lücke. Wer gibt uns künftig die Stichworte für Repliken aller Art?
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Angesichts des aktuellen Fachkräftemangels wirst du wohl kaum einen adäquaten Nachfolger oder eine Nachfolgerin finden. Auch die diversen Sidekicks werden diesen Verlust nicht kompensieren können. Mit der Daumen-rauf- oder Daumen-runter-Mentalität lässt sich dein Anspruch an eine demokratische Meinungsbildung nicht ersetzen.
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Dein Rückzug passt allerdings irgendwie zum allgemeinen Defätismus und Rückzugspessimismus.
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Der öffentliche politische Diskurs in Birsfelden stagniert. Die kommunale Politik bewegt sich in der Defensive und ist kaum mehr fähig, grössere Projekte im öffentlichen Raum anzustossen oder zumindest eigenständig und nachvollziehbar zu kommunizieren. Man hangelt sich auch im Gemeinderat von einem Sachzwang zum nächsten und steht de facto paralysiert vor schier unlösbaren – aber notwendigen – Aufgaben sowie kantonalen Vorgaben (siehe die anstehende Abstimmung über den Umbau und die Sanierung der Hauptstrasse).
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Es fehlen zukunftsweisende Eingriffe ins Gemeinwesen und Beiträge zu einem sozialen Mehrwert für die lokale Bevölkerung. Stattdessen wird die Gemeinde von Bauprojekten, Arealentwicklungen und Transformationen bedrängt – oder, je nach Sichtweise, «beglückt».
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Wir definieren uns über eine Vielzahl von Baustellen und Mobilitätsprojekten, fabulieren über technische Details, während die rund 10’500 Einwohnerinnen und Einwohner zwischen Informations- und Gegeninformationsquellen sowie animierten Paradiesversprechen hin- und hergerissen werden. Die Fülle der Optionen grenzt bisweilen an Desinformation.
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Es wird geplant, projektiert und gebaut, als gäbe es kein Morgen.
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Fast schon abgöttisch glaubt man an die Visualisierungen der Planerinnen und Planer, sekundiert von Baukommission und Gemeinderat, die uns nach all den Mühen des Bauens das Paradies auf Erden versprechen. Völlig losgelöst von flankierenden Massnahmen und dem Schutz des Gemeinwesens hofft man, dass genossenschaftliche Wohnbauprojekte nicht nur die Finanzprobleme Birsfeldens lösen, sondern auch Wohn- und Lebensqualitäten von ungeahnter Güte schaffen werden. Das erscheint mir naiv – ein Glaube an falsche Götter.
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Ich plädiere deshalb für ein kurzes Innehalten.
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Was ich dabei vermisse – und das kann ich als Boomer durchaus sagen –, ist der beherzte Zugriff der jüngeren Politikerinnen und Politiker im Gemeinderat und in den Parteien. Mit der Neubesetzung des Gemeinderats und dem Abschied der Sesselkleber-Generation verband ich die Hoffnung, dass frischer Wind durch das morsche Gebälk des Rates wehen und neue Ideen sowie Visionen zur Debatte stehen würden. Diskurse, die auch Sinn und Unsinn von Entwicklungen reflektieren. Doch das ist nicht eingetreten. Es wird munter weitergebaut, und der Politik der Granden wird weitgehend alternativlos gehuldigt.
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Die Gemeinde braucht nicht das x‑te Neubauprojekt. Sie müsste auf verschiedenen Ebenen fit für die Zukunft gemacht werden. Ich sehe derzeit kaum Ansätze für den Turnaround hin zu einer familienfreundlichen und urbanen Gemeinde. Wenn ich der Hauptstrasse entlanglaufe, befällt mich Tristesse: geschlossene Läden, leere Beizen, zugeklebte Schaufenster und Liegenschaften kurz vor dem Abriss.
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Es ist öde im Land.
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Natürlich weiss ich, dass zahlreiche Neubauprojekte in der Pipeline sind. Doch es wird Jahre dauern, bis diese sämtliche Verfahren und Einsprachen überstanden haben. Bis tatsächlich neues Leben entsteht, vergeht viel Zeit. Da die Gemeinde für diese Entwicklung kein überzeugendes Leitbild – ausser einigen PR-Floskeln – besitzt und über kaum wirksame Steuerungsmechanismen verfügt, wird sie den Eigentümern, Investoren und späteren Vermietern weitgehend ausgeliefert sein. Take it or leave it.
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Dabei gebe ich zu bedenken, dass die Visualisierungen der Planerinnen, Planer und Architekten geduldig sind. Sie imaginieren Leben, wo noch keines existiert. Die langjährigen Baustellen werden die verbliebenen Läden, Cafés, Beizen, Imbisse, Nailstudios, Barber-Shops und Schönheitssalons zusätzlich unter Druck setzen. Das Ladensterben dürfte sich weiter akzentuieren.
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Den Planerinnen und Planern kann das letztlich egal sein. Sie kassieren ihre Honorare und ziehen nach Abschluss der Bauarbeiten weiter. Die Gemeinde und insbesondere der Gemeinderat lassen bislang kaum erkennen, wie das Gemeinwesen diese Operation am offenen Herzen überstehen soll und wie die verlorene Restlebendigkeit zurückkehren kann. Da braucht es mehr. Da braucht es Ideen, Engagement und politische Animation.
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Gerade deshalb braucht es ein neues, zukunftsgerichtetes Narrativ und eine positivere Kommunikation. Die Gemeinde sollte ihre Aussenwirkung bewusster gestalten und klarer vermitteln, wohin sich Birsfelden entwickeln will. Nicht mit luftigen PR-Floskeln, sondern mit einem glaubwürdigen Leitbild, das Perspektiven schafft und nachvollziehbar beschreibt, wie eine prosperierende Zukunft aussehen kann.
Ich wünsche mir ein Birsfelden, das sich konsequent als familienfreundliche Gemeinde positioniert: mit guten Kitas, Schulen, Spielplätzen, attraktiven Grün- und Naherholungsräumen sowie lebenswerten Wohn- und Arbeitsquartieren. Die Erholungsräume entlang von Rhein und Birs gehören zu den grössten Stärken Birsfeldens und sollten weiterentwickelt sowie offensiv kommuniziert werden. Dazu gehört auch eine enge Zusammenarbeit mit der Bürgergemeinde Basel-Stadt bei Pflege und Nutzung des Hardwaldes. Diese Natur- und Erholungsräume sind ein enormes Kapital – ihnen muss Sorge getragen werden.
Natürlich kostet das Geld. Doch durch Kooperationen und Partnerschaften lassen sich viele Lasten gemeinsam tragen – oder man verschuldet sich nolens volens.
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Apropos Moneymaker: Ein weiteres Thema bleibt für mich der Hafen. Das grosse Hafenareal wird nach wie vor zu wenig wirtschaftlich genutzt. Der Druck auf die Schweizerischen Rheinhäfen und den Kanton sollte deshalb erhöht werden. Hier wird erhebliches Potenzial verschenkt. Das Areal müsste längst ein moderner Clean-Tech- und Wirtschaftsstandort sein. Das bisherige Modell wirkt zunehmend überholt, obwohl das hervorragend erschlossene Gebiet enormes Entwicklungspotenzial besitzt. Hier dürfte man ruhig marktwirtschaftlicher denken. Das rund 600’000 Quadratmeter grosse Areal könnte für Gemeinde und Kanton ein bedeutender Wirtschaftsmotor werden.
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Grundsätzlich sollte die Gemeinde wirtschaftlich offensiver argumentieren. Wir bauen in Birsfelden nicht nur Wohnungen für zukünftige Einwohnerinnen und Einwohner, sondern schaffen Grundlagen für Arbeitsplätze, Unternehmen und Wertschöpfung. Firmen – insbesondere aus dem Cleantech- und Dienstleistungsbereich – sollten motiviert werden, ihren Sitz in Birsfelden anzusiedeln.
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Kurz gesagt: Birsfelden muss wieder lernen, positiv und selbstbewusst zu kommunizieren. Wir dürfen uns nicht in Nebensächlichkeiten verlieren. Das Narrativ rund um unsere Gemeinde braucht neuen Schwung. In den vergangenen Jahren haben wir uns in Mitwirkungsverfahren verzettelt – mit überschaubarem Resultat. Statt Aufbruchsstimmung diskutieren wir heute über Rampensteigungen und Kreiselradien. Das kann nicht der Anspruch unserer Gemeinde sein.
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Ich möchte die negativen Folgen einer schleichenden Gentrifizierung ernst nehmen, gleichzeitig aber den Blick nach vorne richten. Birsfelden hat enormes Potenzial – wir nutzen es nur zu wenig.
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Oder, wie Sara Fritz bei ihrer Kandidatur im Dezember 2023 schrieb:
«Es ist mein Wunsch, Birsfelden als attraktive und lebenswerte Gemeinde zu erhalten und weiterzuentwickeln. Mir ist es wichtig, eine ausgewogene, realistische Politik zu machen, als Brückenbauerin zwischen den Polparteien.» Na dann: Los geht’s. Jetzt oder nie.
Andrea Scalone
Juni 2, 2026
Lieber Franz: Leider hast du die situation gut analysiert und beschrieben. Ich danke dir für die jahrelange fülle an guten themen und seriösen recherchen. Ich wünsche dir, dass du nicht resigniert zurück tritts, sondern zuversichtlich, dass deine inputs schon auch vieles bewirkt haben.
Ich zum beispiel bin gar keine fleissige kommentar schreiberin, aber denke jeweils durchaus interessiert mit.
Und dann noch dies:
Christoph Meury hat in seinem kommentar genau meine meinung getroffen! Danke.
Rudolf Zimmer
Juni 2, 2026
Lieber Franz
Auch ich danke dir für dein langjähriges Engagement — immer in der Sache, nie auf die Person. Da können sich einige in der Gemeinde eine Scheibe abschneiden. Nun ist also deine Pünkliartikel lesen, morgens noch vor dem ersten Kaffee, noch vor dem ersten Intelligenzblatt/Tageszeitung, Geschichte. Immerhin auf einige temporäre Zwischenseinschübe von dir dürfen wir uns weiterhin gespannt freuen.
Alles Gute, dein Nachbar Ruedi.
Niggi Zeuggin
Juni 3, 2026
Lieber Franz
Ich schreibe dir von der Arbeitsfront! Hier jede Menge Einschläge, längsseitiger Beschuss. Mayday, Mayday.
Und nun die Meldung: Leuchtturm in Not.
Ja, du hast recht. Das Ausbleiben von Resonanz zermürbt. Und dennoch: Ein Leuchtturm weiss nicht, ob sein Licht Orientierung schafft. Er sieht nicht, welche Klippen umfahren, welche Häfen erreicht oder welche Schiffbrüche verhindert werden.
Er sieht nur die Dunkelheit. Und strahlt trotzdem. Genau darin liegt sein Wesen.
Darum: Grossen Dank und Respekt für dein Tun. Deine Texte waren keine unzustellbaren Briefe. Eher Flaschenpost mit Zeitzünder. Gedanken arbeiten oft im Verborgenen weiter, lange nachdem sie gelesen wurden.
Also bitte: Strahle weiter. Nicht ständig. Nicht pflichtbewusst. Aber immer wieder mit diesen unverwechselbaren Gedankenneuronenexplosionen, die Gewissheiten erschüttern und Denkfaulheit vertreiben.
In Sachen Stadtentwicklung sägen wir ohnehin alle an denselben Systemtücken. Die Bretter sind dick, die Schrauben verrostet und die Mühlen langsam.
Umso wichtiger, dass die wenigen Leuchttürme nicht ausgehen.
Mit eme häärzlige Gruess
Niggi
Niggi Zeuggin
Juni 3, 2026
ÜBRIGENS: Das gilt auch für alle anderen Kommentarschreiber:innen hier.
Leuchttürme allein machen ja noch keine Küste. Erst ein Netz von Lichter schafft Orientierung.
Danke Euch allen – häärzlig.
Brigitte
Juni 4, 2026
Lieber Franz
Ich verstehe und bedaure Deinen Entscheid gleichermassen! Deine fundiert, kritischen Beiträge werden mir fehlen. Dass auch ich zur Fraktion “oft im Stillen mitgelesen, kaum kommentiert” gehöre, ist wahr. Das heisst aber nicht, dass Deine Beiträge keine Wirkung hatten. Sie waren nicht selten der Anstoss für eine Diskussion in meinem persönlichen Umfeld. Sie hatten also Wirkung! Ich hoffe, dies zu wissen, motiviert Dich, weiterhin — wenn auch sporadisch — in die Tasten zu greifen. In diesem Sinn — auf Wiederlesen!
Herzlich — Brigitte