Inte­gra­ler Revo­lu­tio­när” — dar­un­ter kann man sich alles oder nichts vor­stel­len. Um der geneig­ten Lese­rin und dem geneig­ten Leser einen klei­nen Ein­druck zu ver­mitt­teln, wie revo­lu­tio­när der Bene­dik­ti­ner­mönch Grif­fiths dach­te, hier ein­fach ein­mal ein Aus­zug aus sei­nem Buch “The Mar­ria­ge of East and West”, das 1982 erschien. In den kom­men­den Fol­gen gehen wir dann detail­lier­ter auf sein Leben und Werk ein.

Die Tat­sa­che, dass Bede Grif­fiths über Jahr­zehn­te in Indi­en leb­te und sich tief mit den öst­li­chen spi­ri­tu­el­len Strö­mun­gen im Hin­du­is­mus, Bud­dhis­mus und Tao­is­mus aus­ein­an­der­setz­te, erlaub­te ihm einen ganz neu­en Blick auf die christ­li­che Bot­schaft und deren west­li­cher Aus­prä­gung. Die­ser Blick dürf­te die eine oder ande­re Über­ra­schung ber­gen … Also, Sicher­heits­gurt anschnal­len, und los geht’s 🙂 :

Wir müs­sen über all die­se histo­ri­schen Struk­tu­ren hin­aus­ge­hen und den ursprüng­li­chen Mythos des Chri­sten­tums wie­der­fin­den, die leben­di­ge Wahr­heit, die im Neu­en Testa­ment offen­bart wur­de. Aber das kann nicht allein durch den west­li­chen Ver­stand gesche­hen. Wir müs­sen uns für die Offen­ba­rung des gött­li­chen Geheim­nis­ses öff­nen, die in Asi­en statt­fand, im Hin­du­is­mus und Bud­dhis­mus, im Tao­is­mus, Kon­fu­zia­nis­mus und Shin­to­is­mus. Wir kön­nen auch nicht die intui­ti­ve Weis­heit der pri­mi­ti­ve­ren Völ­ker ver­nach­läs­si­gen, der austra­li­schen Abori­gi­nes, der poly­ne­si­schen Insel­be­woh­ner, der afri­ka­ni­schen Busch­män­ner, der ame­ri­ka­ni­schen India­ner, der Eskimos.

Über­all auf der Welt hat der höch­ste Geist Zei­chen sei­ner Gegen­wart hin­ter­las­sen. Das christ­li­che Geheim­nis ist das Geheim­nis der Gegen­wart Got­tes im Men­schen, und wir kön­nen kein Zei­chen die­ser Gegen­wart ver­nach­läs­si­gen. Selbst der Athe­ist und der Agno­sti­ker kön­nen Zeug­nis von die­sem Geheim­nis able­gen. Athe­is­mus und Agno­sti­zis­mus bedeu­ten die Ableh­nung bestimm­ter Bil­der und Kon­zep­te von Gott oder der Wahr­heit, die histo­risch bedingt und daher unzu­rei­chend sind. Athe­is­mus ist eine Her­aus­for­de­rung an die Reli­gi­on, ihre Bil­der und Kon­zep­te zu rei­ni­gen und der Wahr­heit des gött­li­chen Geheim­nis­ses näher zu kommen.

Wir müs­sen uns immer vor Augen hal­ten, dass das gött­li­che Myste­ri­um, die letz­te Wahr­heit, immer jen­seits unse­rer Vor­stel­lung liegt. Die gro­ßen Mythen der Welt offen­ba­ren ver­schie­de­ne Aspek­te die­ses Geheim­nis­ses, je nach der phan­ta­sie­vol­len Ein­sicht der ver­schie­de­nen Völ­ker der Welt. In Jesus nahm der Mythos eine beson­de­re histo­ri­sche Form an, die im Neu­en Testa­ment auf­ge­zeich­net und in der Kir­che bewahrt wird. Aber der Mythos ist zu immer neu­em Ver­ständ­nis fähig, wenn der mensch­li­che Ver­stand über ihn nachdenkt.

Der west­li­che Ver­stand hat ihm eine bestimm­te ratio­na­le und gesetz­li­che Struk­tur gege­ben, aber der öst­li­che Ver­stand und der pri­mi­ti­ve intui­ti­ve Ver­stand in der gan­zen Welt sind fähig, neue Tie­fen der Bedeu­tung in ihm zu ent­decken, und der moder­ne west­li­che Ver­stand, der von den Fes­seln eines mecha­ni­sti­schen Modells des Uni­ver­sums befreit ist, ist fähig, die Bedeu­tung des Mythos wie­der­zu­ent­decken. Der Auf­bau der Kir­che als die Mani­fe­sta­ti­on der Gegen­wart Got­tes im Men­schen in der Geschich­te ist daher das Werk der gesam­ten Menschheit.

Der Hin­du, der Bud­dhist, der Mus­lim, der Huma­nist, der Phi­lo­soph, der Wis­sen­schaft­ler, sie alle haben etwas zu geben und etwas zu emp­fan­gen. Der Christ, wel­cher Kir­che er auch ange­hö­ren mag, kann nicht behaup­ten, das Mono­pol auf die Wahr­heit zu haben. Wir sind alle Pil­ger auf der Suche nach der Wahr­heit, nach der Wirk­lich­keit, nach der letz­ten Erfül­lung. Aber wir müs­sen erken­nen, dass die­se Wahr­heit immer jen­seits unse­res Ver­ständ­nis­ses blei­ben wird. Kei­ne Wis­sen­schaft oder Phi­lo­so­phie oder Theo­lo­gie kann die Wahr­heit jemals erfas­sen. Kei­ne Poe­sie oder Kunst oder mensch­li­che Insti­tu­ti­on kann sie jemals ver­kör­pern. Die gro­ßen Mythen sind nur Spie­ge­lun­gen die­ses tran­szen­den­ten Myste­ri­ums in der mensch­li­chen Vor­stel­lungs­kraft. Sogar der Mythos von Chri­stus gehört noch zur Welt der Zei­chen, und wir müs­sen über den Mythos hin­aus zum Myste­ri­um selbst gehen, über Wort und Gedan­ke, über Leben und Tod hin­aus. Denn das letz­te Myste­ri­um kann nur durch den Über­gang des Todes erkannt wer­den. Ihr seid gestor­ben”, schrieb der hei­li­ge Pau­lus, “und euer Leben ist ver­bor­gen mit Chri­stus in Gott; wenn Chri­stus, der unser Leben ist, erscheint, wer­det auch ihr mit ihm in Herr­lich­keit erscheinen.“

Jesus ver­ließ sei­ne Jün­ger mit der Erwar­tung, dass er wie­der erschei­nen und die­se Welt zu einem Ende brin­gen wür­de. Dies ist die Bedin­gung, unter der wir alle leben. Zu kei­ner Zeit in der Geschich­te war die Welt dem Unter­gang näher als im gegen­wär­ti­gen Augen­blick. Es gibt Kräf­te in der Welt, die in der Lage sind, alles Leben auf die­sem Pla­ne­ten zu zer­stö­ren, und die­je­ni­gen, die die­se Kräf­te kon­trol­lie­ren, sind selbst unkon­trol­lier­bar. Es mag sein, dass die west­li­che Welt sich ändern wird, oder zumin­dest wird eine aus­rei­chen­de Anzahl da sein, um eine Ver­än­de­rung ein­zu­lei­ten, eine Met­a­noia, einen Sin­nes­wan­del, zu durch­lau­fen und die Welt auf einen ande­ren Kurs zu brin­gen, der die Ver­mäh­lung von Ost und West her­bei­führt. Aber auch hier kann es kei­ne End­gül­tig­keit geben.

Unser Schick­sal liegt nicht in die­ser Welt, und wir müs­sen bereit sein, über den Tod hin­aus­zu­ge­hen. Wir müs­sen die­ser Welt und allem in ihr ster­ben, das heißt, allem, was sich in die­ser Welt ver­än­dert und ver­geht, um die Wirk­lich­keit zu fin­den, die sich nicht ver­än­dert und nicht ver­geht. Vor allem müs­sen wir über Wor­te und Bil­der und Kon­zep­te hin­aus­ge­hen. Kei­ne phan­ta­sie­vol­le Visi­on und kein begriff­li­cher Rah­men ist der gro­ßen Wirk­lich­keit ange­mes­sen. Wenn Chri­stus in Herr­lich­keit erschei­nen wird, wird dies nicht in irgend­ei­ner irdi­schen Form oder auf irgend­ei­ne Wei­se gesche­hen, die wir uns vor­stel­len kön­nen. Denn jetzt sehen wir nur schwach in einem Spie­gel, dann aber von Ange­sicht zu Ange­sicht”, und wir wer­den erst dann “in Herr­lich­keit erschei­nen”, wenn wir uns selbst gestor­ben und eine “neue Schöp­fung” gewor­den sind.

Dann allein wer­den wir der Fül­le der Wahr­heit und Wirk­lich­keit begeg­nen, die auch die Fül­le der Weis­heit und Erkennt­nis und die Fül­le der Selig­keit und Lie­be ist. Dann erst wird die end­gül­ti­ge Ver­mäh­lung statt­fin­den, von Ost und West, von Mann und Frau, von Mate­rie und Geist, von Zeit und Ewigkeit.

Bede Grif­fiths kam zu die­sen Ein­sich­ten, nach­dem er sich nicht nur inten­siv mit öst­li­cher Spi­ri­tua­li­tät, son­dern genau­so inten­siv mit den spi­ri­tu­el­len Kon­se­quen­zen der Quan­ten­phy­sik und neu­er bio­lo­gi­scher Theo­rien für unse­re Welt­an­schau­ung aus­ein­an­der­ge­setzt hat­te. Dazu, und über die Ent­wick­lung “west­li­chen” Den­kens mehr in der näch­sten Fol­ge am Frei­tag, den 14. Mai!

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