Nach sei­nen Aus­füh­run­gen zur Rezep­ti­on der Gestalt des Kolum­bus, dass näm­lich hin­ter Geschichts­er­zäh­lun­gen immer vom Erzäh­ler aus­ge­wähl­te Per­spek­ti­ven ste­hen, legt Howard Zinn nach einem klei­nen Exkurs zur “offi­zi­el­len” Geschichts­schrei­bung sei­ne Kar­ten offen auf den Tisch und stellt uns sei­ne Perspektive(n) vor:
Die Behand­lung von Hel­den (Kolum­bus) und ihren Opfern (den Ara­waks) – die still­schwei­gen­de Akzep­tanz von Erobe­rung und Mord im Namen des Fort­schritts – ist nur ein Aspekt einer bestimm­ten Her­an­ge­hens­wei­se an die Geschich­te, in der die Ver­gan­gen­heit aus der Sicht von Regie­run­gen, Erobe­rern, Diplo­ma­ten und Füh­rern erzählt wird. Es ist, als ob sie, wie Kolum­bus, all­ge­mei­ne Akzep­tanz ver­die­nen wür­den, als ob sie – die Grün­der­vä­ter, Jack­son, Lin­coln, Wil­son, Roo­se­velt, Ken­ne­dy, die füh­ren­den Mit­glie­der des Kon­gres­ses, die berühm­ten Rich­ter des Obers­ten Gerichts­hofs – die Nati­on als Gan­zes reprä­sen­tie­ren wür­den. Die Behaup­tung lau­tet, dass es tat­säch­lich so etwas wie „die Ver­ei­nig­ten Staa­ten“ gibt, die zwar gele­gent­lich Kon­flik­ten und Strei­tig­kei­ten aus­ge­setzt sind, aber im Grun­de genom­men eine Gemein­schaft von Men­schen mit gemein­sa­men Inter­es­sen dar­stel­len. Es ist, als gäbe es tat­säch­lich ein „natio­na­les Inter­es­se“, das in der Ver­fas­sung, in der ter­ri­to­ria­len Expan­si­on, in den vom Kon­gress ver­ab­schie­de­ten Geset­zen, den Ent­schei­dun­gen der Gerich­te, der Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus, der Bil­dungs­kul­tur und den Mas­sen­me­di­en zum Aus­druck kommt.

Geschich­te ist die Erin­ne­rung von Staa­ten“, schrieb Hen­ry Kis­sin­ger in sei­nem ers­ten Buch, A World Res­to­red, in dem er die Geschich­te des 19. Jahr­hun­derts aus der Sicht der Füh­rer Öster­reichs und Eng­lands erzähl­te und dabei die Mil­lio­nen Men­schen igno­rier­te, die unter der Poli­tik die­ser Staats­män­ner lit­ten. Aus sei­ner Sicht wur­de der „Frie­den“, den Euro­pa vor der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on hat­te, durch die Diplo­ma­tie eini­ger weni­ger Staats­füh­rer „wie­der­her­ge­stellt“. Aber für Fabrik­ar­bei­ter in Eng­land, Bau­ern in Frank­reich, Far­bi­ge in Asi­en und Afri­ka, Frau­en und Kin­der über­all außer in den obe­ren Klas­sen war es eine Welt der Erobe­rung, der Gewalt, des Hun­gers, der Aus­beu­tung – eine Welt, die nicht wie­der­her­ge­stellt, son­dern zer­fal­len war.

Mei­ne Sicht­wei­se bei der Dar­stel­lung der Geschich­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist eine ande­re: Wir dür­fen die Erin­ne­rung der Staa­ten nicht als unse­re eige­ne akzep­tie­ren. Natio­nen sind kei­ne Gemein­schaf­ten und waren es auch nie. Die Geschich­te eines jeden Lan­des, die als Geschich­te einer Fami­lie dar­ge­stellt wird, ver­birgt hef­ti­ge Inter­es­sen­kon­flik­te (die manch­mal explo­die­ren, meist aber unter­drückt wer­den) zwi­schen Erobe­rern und Erober­ten, Her­ren und Skla­ven, Kapi­ta­lis­ten und Arbei­tern, Beherr­schern und Beherrsch­ten in Bezug auf Ras­se und Geschlecht. Und in einer sol­chen Welt der Kon­flik­te, einer Welt der Opfer und Hen­ker, ist es die Auf­ga­be den­ken­der Men­schen, wie Albert Camus vor­schlug, nicht auf der Sei­te der Hen­ker zu ste­hen.

In die­ser unver­meid­li­chen Par­tei­nah­me, die sich aus der Aus­wahl und Gewich­tung der Geschich­te ergibt, zie­he ich es daher vor, die Geschich­te der Ent­de­ckung Ame­ri­kas aus der Sicht der Ara­waks zu erzäh­len, die Ver­fas­sung aus der Sicht der Skla­ven, Andrew Jack­son aus der Sicht der Che­ro­kee, den Bür­ger­krieg aus der Sicht der iri­schen Ein­wan­de­rer in New York, den Mexi­ka­ni­schen Krieg aus der Sicht der deser­tier­ten Sol­da­ten von Scotts Armee, den Auf­stieg des Indus­tria­lis­mus aus der Sicht der jun­gen Frau­en in den Tex­til­fa­bri­ken von Lowell, den Spa­nisch-Ame­ri­ka­ni­schen Krieg aus der Sicht der Kuba­ner, die Erobe­rung der Phil­ip­pi­nen aus der Sicht der schwar­zen Sol­da­ten auf Luzon, das Gild­ed Age aus der Sicht der Far­mer im Süden, den Ers­ten Welt­krieg aus der Sicht der Sozia­lis­ten, den Zwei­ten Welt­krieg aus der Sicht der Pazi­fis­ten, den New Deal aus der Sicht der Schwar­zen in Har­lem, das ame­ri­ka­ni­sche Impe­ri­um der Nach­kriegs­zeit aus der Sicht der Land­ar­bei­ter in Latein­ame­ri­ka. Und so wei­ter, in dem begrenz­ten Umfang, in dem eine ein­zel­ne Per­son, wie sehr sie sich auch anstrengt, Geschich­te aus der Sicht ande­rer „sehen” kann.

Mir geht es nicht dar­um, um die Opfer zu trau­ern und die Hen­ker anzu­pran­gern. Die­se Trä­nen, die­se Wut, die in die Ver­gan­gen­heit gewor­fen wer­den, zeh­ren an unse­rer mora­li­schen Ener­gie für die Gegen­wart. Und die Gren­zen sind nicht immer klar. Auf lan­ge Sicht ist auch der Unter­drü­cker ein Opfer. Auf kur­ze Sicht (und bis­her besteht die Mensch­heits­ge­schich­te nur aus kur­zen Sicht­wei­sen) wen­den sich die Opfer, die selbst ver­zwei­felt und von der Kul­tur, die sie unter­drückt, geprägt sind, gegen ande­re Opfer.

Den­noch wird die­ses Buch, das die Kom­ple­xi­tät ver­steht, skep­tisch gegen­über Regie­run­gen und ihren Ver­su­chen sein, durch Poli­tik und Kul­tur gewöhn­li­che Men­schen in einem rie­si­gen Netz der Natio­na­li­tät zu ver­stri­cken, das ein gemein­sa­mes Inter­es­se vor­täuscht.

P.S. Es ist des­halb nur fol­ge­rich­tig, dass Donald Trump im Jah­re 2020 das Werk Zinns als “Pro­pa­gan­da” bezeich­ne­te, die dar­auf abzie­le, „Stu­den­ten für ihre eige­ne Geschich­te zu beschä­men“.

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 20. Febru­ar

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