Im Nach­gang zur Zusam­men­fas­sung der unfass­ba­ren Gräu­el­ta­ten gegen­über den Indi­ge­nen, deren sich Kolum­bus und sei­ne Nach­fol­ger schul­dig gemacht haben, ana­ly­siert Howard Zinn, wie Samu­el Eli­ot Mori­son, ein Har­vard-His­to­ri­ker und Autor einer mehr­bän­di­gen Bio­gra­fie zu Kolum­bus, dar­über berich­tet. Tat­säch­lich hält die­ser in einem popu­lä­ren Buch über den Ent­de­cker fest:
Die grau­sa­me Poli­tik, die von Kolum­bus initi­iert und von sei­nen Nach­fol­gern fort­ge­setzt wur­de, führ­te zu einem voll­stän­di­gen Völ­ker­mord”.

Objek­ti­ve Geschichts­schrei­bung, alles gut? ‑Howard Zinn ist da ande­rer Mei­nung.
Das steht auf einer Sei­te, ver­steckt inmit­ten einer gross­ar­ti­gen Lie­bes­ge­schich­tee. Im letz­ten Absatz des Buches fasst Mori­son sei­ne Sicht auf Kolum­bus zusam­men:
Er hat­te sei­ne Feh­ler und Män­gel, aber die­se waren grös­sen­teils die Män­gel der Eigen­schaf­ten, die ihn  gross­ar­tig gemacht haben — sein uner­schüt­ter­li­cher Wil­le, sein über­ra­gen­der Glau­be an Gott und an sei­ne eige­ne Mis­si­on als Chris­tus-Trä­ger in Län­dern jen­seits der Mee­re, sei­ne hart­nä­cki­ge Beharr­lich­keit trotz Ver­nach­läs­si­gung, Armut und Ent­mu­ti­gung. Aber es gab kei­nen Makel, kei­ne Schat­ten­sei­te an sei­ner her­aus­ra­gends­ten und wesent­lichs­ten Eigen­schaft — sei­ner See­manns­kunst.

Man kann über die Ver­gan­gen­heit offen lügen. Oder man kann Fak­ten weg­las­sen, die zu inak­zep­ta­blen Schluss­fol­ge­run­gen füh­ren könn­ten. Mori­son tut weder das eine noch das ande­re. Er wei­gert sich. über Kolum­bus zu lügen. Er lässt die Geschich­te des Mas­sen­mords nicht aus; viel­mehr beschreibt er sie mit dem här­tes­ten Word, das man dafür ver­wen­den kann: Völ­ker­mord.

Aber er tut noch etwas ande­res — er erwähnt die Wahr­heit nur kurz und wen­det sich dann ande­ren Din­gen zu, die ihm wich­ti­ger sind. Offe­ne Lügen oder still­schwei­gen­de Aus­las­sun­gen ber­gen das Risi­ko, ent­deckt zu wer­den, was den Leser dazu ver­an­las­sen könn­te, gegen den Autor zu rebel­lie­ren. Die Fak­ten dar­zu­le­gen und sie dann in einer Mas­se ande­rer Infor­ma­tio­nen zu begra­ben, bedeu­tet jedoch, dem Leser mit einer gewis­sen anste­cken­den Gelas­sen­heit zu sagen: Ja, es gab einen Mas­sen­mord, aber das ist nicht so wich­tig – es soll­te in unse­rer abschlie­ßen­den Beur­tei­lung kaum ins Gewicht fal­len; es soll­te kaum Ein­fluss dar­auf haben, was wir in der Welt tun.

Zinn geht anschlies­send auf die Tat­sa­che ein, dass Geschichts­schrei­bung immer aus einem bestimm­ten Blick­win­kel geschieht und not­ge­drun­gen mit Aus­las­sun­gen arbei­ten muss. Aber im Gegen­satz zu einem Kar­to­gra­fen, der eben­falls mit Ver­ein­fa­chun­gen und Aus­las­sun­gen arbei­ten muss, sind sie nicht tech­ni­scher, son­dern ideo­lo­gi­scher Natur:
Mein Argu­ment kann sich nicht gegen Aus­wahl, Ver­ein­fa­chung und Her­vor­he­bung rich­ten, die sowohl für Kar­to­gra­fen als auch für His­to­ri­ker unver­meid­lich sind. Aber die Ver­zer­rung durch den Kar­to­gra­fen ist eine tech­ni­sche Not­wen­dig­keit für einen gemein­sa­men Zweck, den alle Men­schen tei­len, die Kar­ten benö­ti­gen. Die Ver­zer­rung durch den His­to­ri­ker ist mehr als tech­nisch, sie ist ideo­lo­gisch; sie wird in eine Welt kon­kur­rie­ren­der Inter­es­sen ent­las­sen, in der jede gewähl­te Her­vor­he­bung (ob der His­to­ri­ker dies beab­sich­tigt oder nicht) irgend­ei­ne Art von Inter­es­se unter­stützt, sei es wirt­schaft­li­cher, poli­ti­scher, ras­si­scher, natio­na­ler oder sexu­el­ler Natur.

Dar­über hin­aus wird die­ses ideo­lo­gi­sche Inter­es­se nicht offen zum Aus­druck gebracht, so wie das tech­ni­sche Inter­es­se eines Kar­to­gra­fen offen­sicht­lich ist („Dies ist eine Mer­ca­tor-Pro­jek­ti­on für die Lang­stre­cken­na­vi­ga­ti­on – für Kurz­stre­cken soll­ten Sie bes­ser eine ande­re Pro­jek­ti­on ver­wen­den“). Nein, es wird so dar­ge­stellt, als hät­ten alle Leser der Geschich­te ein gemein­sa­mes Inter­es­se, dem His­to­ri­ker nach bes­ten Kräf­ten die­nen. Dies ist kei­ne absicht­li­che Täu­schung; der His­to­ri­ker wur­de in einer Gesell­schaft aus­ge­bil­det, in der Bil­dung und Wis­sen als tech­ni­sche Pro­ble­me der Exzel­lenz und nicht als Werk­zeu­ge für kon­kur­rie­ren­de sozia­le Klas­sen, Ras­sen und Natio­nen dar­ge­stellt wer­den.

Die Her­vor­he­bung des Hel­den­tums von Kolum­bus und sei­nen Nach­fol­gern als See­fah­rer und Ent­de­cker und das Her­un­ter­spie­len ihres Völ­ker­mords ist kei­ne tech­ni­sche Not­wen­dig­keit, son­dern eine ideo­lo­gi­sche Ent­schei­dung. Sie dient – unbe­wusst – dazu, das Gesche­he­ne zu recht­fer­ti­gen.

Ich will damit nicht sagen, dass wir Kolum­bus in Abwe­sen­heit ankla­gen, ver­ur­tei­len und ver­dam­men müs­sen, wenn wir Geschich­te erzäh­len. Dafür ist es zu spät; es wäre eine nutz­lo­se wis­sen­schaft­li­che Übung in Moral. Aber die leicht­fer­ti­ge Akzep­tanz von Gräu­el­ta­ten als bedau­er­li­cher, aber not­wen­di­ger Preis für den Fort­schritt (Hiro­shi­ma und Viet­nam, um die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on zu ret­ten; Kron­stadt und Ungarn, um den Sozia­lis­mus zu ret­ten; die Ver­brei­tung von Atom­waf­fen, um uns alle zu ret­ten) – das beglei­tet uns noch immer. Ein Grund dafür, dass die­se Gräu­el­ta­ten immer noch Teil unse­rer Gegen­wart sind, ist, dass wir gelernt haben, sie in einer Mas­se ande­rer Fak­ten zu begra­ben, so wie radio­ak­ti­ver Abfall in Con­tai­nern in der Erde begra­ben wird. (…) Die­ses erlern­te Gefühl für mora­li­sche Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, das aus der schein­ba­ren Objek­ti­vi­tät des Wis­sen­schaft­lers stammt, wird leich­ter akzep­tiert als wenn es von Poli­ti­kern auf Pres­se­kon­fe­ren­zen kommt.

Daher ist es umso töd­li­cher.

Fort­set­zung am kom­men­den Frei­tag, den 6. Febru­ar

An ande­ren Seri­en inter­es­siert?
Wil­helm Tell / Ignaz Trox­ler / Hei­ner Koech­lin / Simo­ne Weil / Gus­tav Mey­rink / Nar­ren­ge­schich­ten / Bede Grif­fiths / Graf Cagli­os­tro /Sali­na Rau­rica / Die Welt­wo­che und Donald Trump / Die Welt­wo­che und der Kli­ma­wan­del / Die Welt­wo­che und der lie­be Gott /Leben­di­ge Birs / Aus mei­ner Foto­kü­che / Die Schweiz in Euro­pa /Die Reichs­idee /Voge­sen Aus mei­ner Bücher­kis­te / Ralph Wal­do Emer­son / Fritz Brup­ba­cher  / A Basic Call to Con­scious­ness Leon­hard Ragaz / Chris­ten­tum und Gno­sis / Hel­ve­tia — quo vadis? / Aldous Hux­ley / Dle WW und die Katho­li­sche Kir­che / Trump Däm­me­rung / Manès Sper­ber /Reinkar­na­ti­on / USA — Eine alter­na­ti­ve Geschich­te

 

 

Freunde des flüssigen Verkehrs
Manès Sperber - Kämpfer für eine neue Welt 49

1 Kommentar

Kommentiere

Deine Meinung