Als der birsfaelder.li-Schreiberling im Teen­ager-Alter war, war das Bild der USA ganz klar posi­tiv besetzt: Stolz trug er Hosen und Man­tel, die er in einem Zür­cher US-Army-Out­let-Shop für weni­ge Fran­ken ergat­tert hat­te, nachts hör­te er im Bett mit alten Kopf­hö­rern die neu­es­ten Hits des ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten­sen­ders AFN Munich, auf sei­ner lan­ge erspar­ten elek­tri­schen Gitar­re übte er die Riffs von Chuck Ber­ry, bestaun­te in Klo­ten die ele­gan­ten Con­stel­la­ti­ons, die ihre Pas­sa­gie­re in das Land der unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten brin­gen wür­de: Ame­ri­ka, “the shi­ning city on the hill” — und der Dol­lar lag noch weit über vier Fran­ken …

Das Bild begann sich dann wenig spä­ter mas­siv ein­zu­trü­ben: Viet­nam-Krieg, die Ras­sen­un­ru­hen in den Süd­staa­ten, — und sich gleich­zei­tig mit dem spi­ri­tu­el­len Auf­bruch aus­ge­hend von Kali­for­ni­en wie­der auf­zu­hel­len.

Heu­te haben die düs­te­ren Töne defi­ni­tiv die Ober­hand:
Die wich­tigs­te west­li­che Alli­anz durch­lebt ihre tiefs­te Kri­se seit Jahr­zehn­ten. Für die Euro­pä­er steht ihre Exis­tenz auf dem Spiel — doch die Ame­ri­ka­ner ris­kie­ren ihre gröss­te Stär­ke. (NZZ)
Yes, its facism (The Atlan­tic)
Wie Donald Trump den Raub­tier-Kapi­ta­lis­mus zurück­bringt (Han­dels­blatt)
Donald Trump erschafft sich … eine Super­bundes­polizei mit dem Bud­get einer mittel­grossen Armee. Er ver­dop­pelt ihren Personal­bestand und schickt die Tau­sen­den Beam­ten in demo­kra­ti­sche Hoch­bur­gen, um dort Jagd auf Men­schen zu machen, die nach Ansicht sei­ner Poli­zis­ten nicht US-ame­ri­ka­nisch genug sind. (REPUBLIK)

Und was beson­ders schwer wiegt: Aktu­ell wird — schön par­al­lel zum Russ­land Putins — von ultra­kon­ser­va­ti­ven weis­sen Kräf­ten in den USA gezielt dar­an gear­bei­tet, die Geschich­te neu im Sin­ne der Mäch­ti­gen umzu­schrei­ben. Höchs­te Zeit also, Stim­men zu Wort kom­men zu las­sen, die eine ande­re, alter­na­ti­ve Sicht auf die ame­ri­ka­ni­sche Geschich­te ver­tra­ten und noch ver­tre­ten (von links nach rechts):
Vine Del­oria jr, ein Ange­hö­ri­ger der Yank­ton-Dako­ta, der sein Leben dem Kampf für die Rech­te der Indi­ge­nen Nord­ame­ri­kas wid­me­te.
Howard Zinn, der mit sei­nem Best­sel­ler “A People’s Histo­ry of the United Sta­tes” (auf dt. “Eine Geschich­te des ame­ri­ka­ni­schen Vol­kes”) die Ent­ste­hung und Ent­wick­lung der USA kon­se­quent aus einem neu­en Blick­win­kel “von unten” erzähl­te.
Oren Lyons, Faith Kee­per der jahr­hun­der­te­al­ten demo­kra­ti­schen Hau­de­no­sau­nee (Irokesen)-Konföderation, die — wie heu­te immer mehr aner­kannt wird — für die ame­ri­ka­ni­sche Ver­fas­sung ent­schei­den­de Impul­se lie­fer­te.
Noam Chom­sky, der sei­ner Nati­on ein Leben lang den Spie­gel betref­fend das eige­ne über­höh­te mora­li­sche Selbst­bild und die bru­ta­len Fak­ten ihrer impe­ria­lis­ti­schen Aus­sen­po­li­tik vor­hielt.

Ein Bei­spiel dafür, wie eine alter­na­ti­ve Geschichts­schrei­bung his­to­ri­sche “Fak­ten” in ein neu­es Licht rücken kann:
Im ers­ten Kapi­tel sei­nes Buchs geht Howard Zinn auf die Geschich­te der Ent­de­ckung der Neu­en Welt durch Kolum­bus ein. In der Regel ist in uns das Bild des muti­gen See­fah­rers gespei­chert, der ver­such­te, für die spa­ni­sche Kro­ne Indi­en auf einer alter­na­ti­ven West­rou­te zu errei­chen (der Osten stand unter por­tu­gie­si­scher Herr­schaft). Kaum — wenn über­haupt — wird erwähnt, auf welch höchst bru­ta­le Wei­se er und sei­ne Nach­fol­ger von Anfang an mit der indi­ge­nen Bevöl­ke­rung der ent­deck­ten Inseln umspran­gen:
Als er 1508 auf His­pa­nio­la ankam, sagt Las Casas: „Es leb­ten 60.000 Men­schen auf die­ser Insel, ein­schließ­lich der India­ner; so dass von 1494 bis 1508 über drei Mil­lio­nen Men­schen durch Krieg, Skla­ve­rei und die Minen ums Leben gekom­men waren. Wer in zukünf­ti­gen Gene­ra­tio­nen wird das glau­ben? Selbst ich, der ich dies als sach­kun­di­ger Augen­zeu­ge schrei­be, kann es kaum glau­ben.…“ So begann vor fünf­hun­dert Jah­ren die Geschich­te der euro­päi­schen Inva­si­on der india­ni­schen Sied­lun­gen in Ame­ri­ka. Die­ser Anfang, wenn man Las Casas liest – auch wenn sei­ne Zah­len über­trie­ben sind (gab es über­haupt 3 Mil­lio­nen India­ner, wie er sagt, oder weni­ger als eine Mil­li­on, wie eini­ge His­to­ri­ker berech­net haben, oder 8 Mil­lio­nen, wie ande­re heu­te glau­ben?) – ist Erobe­rung, Skla­ve­rei, Tod. Wenn wir die Geschichts­bü­cher lesen, die Kin­dern in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gege­ben wer­den, beginnt alles mit hel­den­haf­ten Aben­teu­ern – es gibt kein Blut­ver­gie­ßen – und der Colum­bus Day ist ein Fest­tag.

Im Anschluss dar­an mach­te sich Zinn grund­sätz­li­che Gedan­ken dar­über, wie Geschichts­schrei­bung zustan­de kommt. Dazu mehr in der kom­men­den Fol­ge am Frei­tag, den 6. Janu­ar.

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