Die weiteren Beiträge zur Entstehung Israels und die Eindrücke und Begegnungen auf seinen Reisen beschreiben einen Staat, der sich inzwischen politisch und soziologisch bis zur Unkenntlichkeit gewandelt hat.
Interessanter ist der letzte Teil seines Buches, in dem er auf die grosse Rolle des Jiddischen im kulturellen Leben der europäischen Juden eingeht und ihn mit einer Reihe von Kurzbiografien jiddischer Autoren abschliesst. Deren Lektüre führt dem Leser erneut die ganze Bandbreite und Tragik jüdischer Existenzen in Osteuropa vor dem grossen “Churban” vor Augen. Stellvertretend sei dies hier in Auszügen an drei jüdischen Dichtern und Schriftstellern gezeigt:
H. Leivick, Mendel Mann und Isaak Babel:
H. Leivick wurde am 25. Mai 1888 in Ihumen geboren, einem der elendsten »Städtel« Weißrußlands. Er war der Erstgeborene der neun Kinder einer Familie, die das kümmerlichste Dasein führte, ohne die leiseste Hoffnung, sich je der alles beengenden Armut zu entwinden.
Mit 10 Jahren verließ Leivick seine Familie, um in einer kleinen Nachbarstadt zu »lernen«. Er mußte jeden Tag aufs neue Nahrung suchen, um nicht zu verhungern, und einen Winkel im Bethaus, um dort die Nacht zu verbringen. Später studierte er in einer Jeschiwah, einer höheren Bibel- und Talmudschule, in Minsk. Er verließ sie im Alter von 15 Jahren; das Studium stärkte seinen Glauben nicht, es zerstörte ihn. Als sein Vater diesen ihm durchaus unerklärlichen Bruch entdeckte, verbrannte er in einem Wutanfall die Hefte, in denen der Abtrünnige seine ersten, hebräischen Gedichte heimlich niedergeschrieben hatte.
Der Siebzehnjährige wurde Mitglied der jüdischen Arbeiterpartei Bund, der ersten marxistischen Partei Rußlands, und kämpfte in ihren Reihen; er nahm an allen Aktionen teil, die im Revolutionsjahr 1905 das zaristische Rußland in stürmische Bewegung brachten. Leivick wurde mehrmals verhaftet und schließlich zu fünf Jahren Zuchthaus, zur Katorga in Sibirien, verurteilt. Er hatte dieses so harte Urteil selbst verschuldet, denn die Richter hatten mit dem schwächlichen Jungen Mitleid und wollten eine mildere Strafe verhängen. Der angeklagte Revolutionär aber trat während des Prozesses als ein Ankläger auf und verurteilte seinerseits den Zaren, sein Regime und seine Tribunale — so erzwang er das harte Urteil.
Mit Ketten an den Beinen zog er durch das Land, durch einen großen Teil Sibiriens, von Gefängnis zu Gefängnis, auf »Etappe«, wie man damals sagte, als die Verurteilten den Weg zur Katorga zu Fuß zurücklegen mußten. Nachdem er seine Strafe abgebüßt hatte, wurde er nach Irkutsk verbannt, der Aufenthalt im europäischen Rußland war ihm für den Rest seines Lebens untersagt. Mit der kleinen Geldsumme, die jüdische Arbeiter in Amerika für ihn gesammelt hatten, erwarb er ein Pferd und ein Bauernwäglein und floh aus der Verbannung; nach Überwindung zahlloser Hindernisse gelang es ihm, das Zarenreich zu verlassen. Im Jahre 1913 erreichte er endlich New York, wo sich die Genossen seiner brüderlich annahmen.
Leivick lebte fortab in Amerika. Während langer Jahre verdiente er sein Brot mit manuellen Arbeiten, bis ihn eine Lungentuberkulose aus der Bahn warf. Er durfte die gewohnte Arbeit nie wieder aufnehmen und wurde Journalist. In der Tat aber war er seit seiner frühen Jugend ein Dichter. Er schrieb nicht mehr hebräisch; seine etwa 30 Werke gehören zur jiddischen Literatur; es sind Gedichte, Esssays, Erzählungen und Theaterstücke, die, wie Der Golem, ihn einem großen Publikum bekannt machten. (…)
Während mehrerer Jahre, bis zum 23. Dezember 1962, war ich einer der vielen, die immer wieder an Leivick denken mußten, der, infolge einer unheilbaren Krankheit gelähmt, auf den Tod wartete. Stumm und unbeweglich, blieb der Dichter nur durch den Blick seiner Augen mit der Welt verbunden. So erfuhr er täglich, daß alles weiterging, als ob nichts geschehen wäre. Er verstand alles, denn sein Gehirn war intakt geblieben. Seine Freunde lernten, in seinen Augen zu lesen: sie fanden in ihnen die Trauer des armen Kindes aus Ihumen und die eigenartige, leise Kühnheit des jungen Revolutionärs, des Dichters frühes Begehren, alles zu wissen und mit wachen Sinnen von einer besseren Welt zu träumen.
Nun, da Leivick nicht mehr ist, geht’s mir auf, daß man sein Werk so lesen könnte, als ob es Auszüge aus dem Tage- oder Lesebuch eines Volkes enthielte, das von seinen Söhnen stets die Rechtfertigung ihres Daseins auf Erden erwartet. Ja, die Stimme Leivicks war eine der großen Stimmen des jüdischen Volkes. Ich werde sie immer im Ohr behalten —sie klingt mir manchmal wie der Ruf einer unversöhnlichen Revolte und dann wieder, ohne Übergang, wie ein besänftigendes Wiegenlied oder die Stimme eines Betenden:
Mein Gebet
Ich weiß nicht, vor wen es bringen, mein Gebet, aber ich trage es
Ich weiß nicht, wem es sagen, mein Gebet, aber ich sage es
Es vereist auf meinen Lippen, das Gebet, aber ich trage es
Es wird im Zorn lebendig — mein Gebet, aber ich sage es
Es zerbricht so oft in Scherben — mein Gebet, aber ich trage es
Es erhebt sich über sechs Millionen Gräber, mein Gebet , aber ich sage es
Es versinkt und jammert ohne Worte mein Gebet, aber ich trage es
Zu jenem, von dem ich nicht weiß, ob er es erhört.
Aber ich sage es.
Fortsetzung am kommenden Freitag, den 13. Februar
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