Nach einer aus­führ­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Schick­sal der Juden unter Hit­ler und Sta­lin geht Manès Sper­ber im zwei­ten Teil sei­nes Buchs “Chur­ban” ver­tief­ter auf sei­ne Bezie­hung zum Staat Isra­el und die Erfah­run­gen ein, die er anläss­lich sei­ner Besu­che dort mach­te. Ein­lei­tend erin­nert er sich an den Stel­len­wert “Eretz Isra­els” in sei­ner Erzie­hung  und geht anschlies­send auf die inten­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung inner­halb des Juden­tums um die Berech­ti­gung der zio­nis­ti­schen Bewe­gung ein:
»Er fühlt sich wie im Wein­gar­ten sei­nes Vaters«, sag­te man bei uns, wenn einer sich’s wohl erge­hen ließ. Oder auch: »Er genießt das Leben im Schat­ten sei­ner Fei­gen­bäu­me.«
Für die Kin­der, die sich vom drit­ten Lebens­jahr in der schwe­ren Kunst, Jude zu sein, üben muß­ten, sym­bo­li­sier­ten die Wein­gär­ten und Fei­gen­bäu­me eine sehr fer­ne Ver­gan­gen­heit in einem fer­nen Land und zugleich eine ihnen zuge­si­cher­te Zukunft, jedoch bezeich­ne­ten sie nichts Faß­ba­res in der Gegen­wart, nichts in der Dia­spo­ra, in der sie leb­ten. In der Tat kann­ten die­se Kin­der die Topo­gra­phie des Lan­des Kana­an weit bes­ser als jene der Dör­fer, die bedro­hend unser Städ­tel umga­ben. Paläs­ti­na — der Name einer tür­ki­schen Pro­vinz erin­ner­te uns an die Phi­lis­ter und an die Orte, wo unse­re Ahnen sich geschla­gen hat­ten. Eretz Isra­el war kein geo­gra­phi­scher Begriff, son­dern die dau­er­haf­te Gegen­wart einer gött­li­chen Unend­lich­keit: die­ses Land bewohn­te einen jeden von uns, denn wie der All­mäch­ti­ge selbst hat­te es unse­re Vor­vä­ter auf allen Wegen des Exils beglei­tet. Und man wuß­te, daß man dort­hin zurück­keh­ren wür­de: lebend, wenn der Mes­si­as zu unse­rer Leb­zeit kom­men soll­te, oder tot, am Ende einer unter­ir­di­schen Rei­se nach Jeru­sa­lem, wo man auf­er­ste­hen wür­de. So war es nicht nur ver­dienst­voll, son­dern auch vor­teil­haft, im Schat­ten der Tem­pel­mau­er zu ster­ben, denn nur so konn­te man die post­hu­me Rei­se ver­mei­den, die die kind­li­che Phan­ta­sie häu­fig beun­ru­hig­te.

Man steck­te Mün­zen in weiß­gel­be Büch­sen, die für die Unter­stüt­zung jener bestimmt waren, die nach Jeru­sa­lem gepil­gert waren, um dort zu ster­ben; auf den Büch­sen las man den Namen: Meir der Wun­der­rab­bi. Dane­ben gab es blau­wei­ße Büch­sen mit den Spen­den für jene, die nach Paläs­ti­na aus­wan­der­ten, um dort durch ihre Arbeit das Land zu erlö­sen. Alle Spen­der glaub­ten an das nahe Ende der Dia­spo­ra und die bal­di­ge Heim­kehr.

Der Zio­nis­mus rief hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen her­vor. Die From­men frag­ten: »Und wie, wenn der Zio­nis­mus kei­nes­wegs dem gött­li­chen Plan dien­te, son­dern ihm ent­ge­gen­wirk­te? Wie, wenn die Zio­nis­ten in fre­vel­haf­ter Unge­duld sich als Voll­stre­cker eines Ver­spre­chens aus­ga­ben, das nur Gott selbst erfül­len konn­te? Und wie, wenn sie in Wirk­lich­keit dar­auf aus­gin­gen, das jüdi­sche Volk so zu ver­wan­deln, daß es eine Nati­on ohne Gott wür­de?« Die Alten zürn­ten: »Die hei­li­ge Erde wird euch aus­spei­en. Ihr seid Ver­rä­ter, denn ihr wollt ja nur eines: den ande­ren Völ­kern glei­chen. Doch wird es euch nicht gelin­gen, der Schöp­fer des Alls wird es nicht dul­den …«

Das Städ­tel lieb­te nichts so sehr wie hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen, in denen die Stim­men sich wild erho­ben und durch alle Gas­sen schall­ten, bis sie in die Gebets­häu­ser ein­dran­gen. Die Bewoh­ner des Städ­tels glaub­ten nur jenen, deren gera­de­zu gewalt­tä­ti­ge Lei­den­schaft sich mit einer schar­fen Logik und einem iro­nisch her­aus­for­dern­den Humor ver­band.

Allen aber war es glei­cher­ma­ßen wich­tig, ein für alle­mal her­aus­zu­fin­den, ob der Zio­nis­mus ein ver­füh­re­risch ver­hüll­tes Rene­ga­ten­tum war, wie die Ver­lo­ckung des fal­schen Mes­si­as von Smyr­na, jenes Sab­ba­tai-Zwi** — »des­sen Name sei aus­ge­löscht!« -, oder ob er im Gegen­teil eine Bewe­gung war, die die Erlö­sung vor­be­rei­te­te und das Kom­men des wah­ren Mes­si­as her­bei­füh­ren konn­te.

** Das Auftre­ten von Sab­ba­tai Zwi als lang ersehn­ter Mes­si­as im 17. Jahr­hun­dert führ­te zur gröss­ten inner­jü­di­schen Kri­se der Neu­zeit, mach­te aber auch den Weg frei für Neue­rungs­be­we­gun­gen wie der Chas­si­dis­mus, der die Erzie­hung und Welt­sicht Manès Sper­bers präg­te.

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