Und auch das ist mein Judaismus: Solidarität mit allen, denen Unrecht getan wird. Das ist seit jeher mein Sozialismus gewesen; er ist es geblieben wie die häufig genug erfolglose und dennoch ungeduldige Bemühung um eine Welt, in der Theorie und Praxis sich versöhnen und für immer vereint sein würden.
Ich fühle mich keineswegs verpflichtet zu allem, was die Eigenen tun, ja zu sagen, sondern eher im Gegenteil dazu berechtigt, schärfer als sonst alles zu kritisieren, was bei ihnen ungerecht, unwürdig, zu anspruchsvoll oder opportunistisch und daher unecht sein kann.
Mit diesen Worten endete der letzte Auszug aus Sperbers Werk “Churban oder die unfassbare Gewissheit”, in dem er sich mit der Frage nach der Existenzberechtigung Israels auseinandersetzte. Obwohl er sich selber nicht als Zionist bezeichnete, sah er in der Gründung Israels eine grundlegende Rückversicherung für die in der Diaspora lebenden Juden:
Ohne diese Wiedergeburt einer jungen Nation auf der alten Erde hätte das Judentum es nicht zustande gebracht, die von den Deutschen organisierte, von anderen Völkern tatkräftig geförderte, von der übrigen Welt gleichgültig beobachtete Katastrophe seelisch und geistig zu überwinden. Sein Unglück hätte sich in eine unheilbare Krankheit verwandeln, die vitale Kraft und mit ihr den Willen zu leben zerstören können.
Dann kommt er auf das für die weitere Entwicklung Israels eigentliche Schicksalsjahr 1967 zu sprechen:
Dieser Sachverhalt wurde im Jahre 1967 noch einmal allen Zeitgenossen, den Juden wie den Nichtjuden, in den wenigen Wochen offenbar, die dem Sechstagekrieg vorangingen, als Nasser und alle anderen Führer der arabischen Staaten im voraus triumphierend verkündeten, daß ihre vereinten Armeen Israel, den Staat und das Volk vernichten, ein für allemal aus der Welt schaffen würden. In jenen Wochen schienen die westlichen Mächte wie von einer Lähmung befallen, sie bereiteten sich darauf vor, dem Untergang Israels tatenlos, jedoch mit einem tiefen Bedauern zu überstehen. Damals, in jenen Maiwochen und in den ersten Junitagen, begriffen die Juden, auch die assimiliertesten unter ihnen, auch jene, die gemäß der Außenpolitik Moskaus antizionistisch waren, daß Israels Untergang ihrem eigenen Dasein gefährlich werden mußte. Mochte Israel ihnen mehr oder minder gleichgültig sein, die drohende Vernichtung zerstörte ihr Gleichgewicht, sie ahnten, daß sie der Ausrottung nur provisorisch entkommen könnten.
Der birsfaelder.li-Schreiberling erinnert sich noch gut an jene Zeit. Ein Jahr zuvor war er zusammen mit zwei Freunden und ganzen 500 Franken im Hosensack in den Nahen Osten aufgebrochen und — nachdem besagter Hosensack nach zwei Monaten leer war — schliesslich in einem Kibbuz im Jordantal gelandet, wo man bei Gratisunterkunft und ‑verpflegung im breit angelegten landwirtschaftlichen Betrieb mitarbeitete. Der Kibbuz war damals ein aufregender “Melting Pot” von Jugendlichen aus der ganzen Welt, die sich von diesem neuen Gesellschaftsexperiment angezogen fühlten. Wir diskutierten oft und intensiv auch mit den jungen Kibbuznik und bewunderten sie für die Verantwortung, die sie schon zu tragen hatten. Mit seiner “Kibbuz-Schlummermutter” blieb der Schreiberling bis zu ihrem Tod vor einigen Jahren in regelmässigem und freundschaftlichen Kontakt.
Für Manes Sperber war die Kibbuz-Bewegung von grösster Bedeutung:
Ein anderer Grund bestimmt mich überdies, für den unter zionistischer Ägide geschaffenen, wahrhaft demokratischen Staat einzustehen: Hier konnte der Kibbuz entstehen, die einzige Gemeinschaftsform, die in diesem Jahrhundert des pseudokommunistischen Despotismus die Idee des Sozialismus mit der Praxis der Lebensgemeinschaft vereint hat. Der Kibbuz erbringt den klaren Beweis dafür, daß man, ohne an Gott und an den von ihm gesandten Messias zu glauben, gemäß den fundamentalen Lebensregeln des prophetischen Judentums sich zu einem dauernden Bunde vereinigen kann, in dem niemand ein Objekt der anderen ist, sondern stets der Gefährte aller bleibt.
Der Kibbuz existiert nicht mehr. Er wurde zum Opfer der neoliberalen Wirtschaftspolitik, die den Staat Israel seither radikal verändert hat. 1967 — der grosse militärische Sieg, den wir damals bejubelten — erwies sich angesichts der darauf folgenden Besatzungspolitik von Jahr zu Jahr mehr als eigentliche Büchse der Pandora. Die rechtsgerichtete bis rechtsradikale aktuelle Regierung unter der Leitung Netanyahus verfolgt in Zusammenarbeit mit Trump eine menschenverachtende Politik, und das Studium des Talmuds, das Sperber als entscheidend wichtige Quelle für die Weiterentwicklung jüdischen Denkens erachtete, hat sich nach dem Urteil des jüdischen Psychiaters und REPUBLIK-Mitarbeiters Daniel Strassberg in Israel in das Gegenteil verwandelt:
Das Talmudstudium ist heute mehr denn je ein politisches Bekenntnis geworden. Aus dem Strassenbild von Jerusalem sind junge Menschen mit grossen Käppchen, langen Schläfenlocken, die Schaufäden aus den Hosen hängend und einer Uzi über der Schulter nicht mehr wegzudenken, und man weiss auch gleich, welcher Ideologie sie anhängen: Aus einem relativ harmlosen religiösen Nationalismus hat sich in den letzten Jahren eine fanatisch antidemokratische, rassistische, faschistische Ideologie entwickelt, deren Markenzeichen das intensive Talmudstudium ist.
Was hätte wohl Manes Sperber heute dazu zu sagen?
Fortsetzung am kommenden Samstag, den 23. Januar
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