„… und es funk­tio­niert“, um den Wer­be­spruch eines Elek­tro-Gerä­te-Ver­käu­fers zu zitieren.
War­um die­ses Zitat?: Vor rund zwei Jah­ren leg­ten (Roxy, Birs­fel­der Muse­um, Event Are­na) dem Gemein­de­rat ein Roh­kon­zept für die kul­tu­rel­le Zwi­schen­nut­zung der alten Gemein­de­ver­wal­tung vor. Es wur­de abge­lehnt. Die Beden­ken­trä­ger spra­chen von Sicher­heit, Ver­si­che­run­gen, Feu­er, feh­len­den sani­tä­ren Anla­gen, Park­plät­zen, Nach­bar­schaft und Nach­ru­he, den Initi­an­ten schien die Mie­ter­war­tung der Gemein­de zu hoch. Man sprach von 30.000.-  jähr­lich. Heu­te genüg­te ein 15 Minu­ten Gespräch zwi­schen Sven Hei­er, Mar­tin Schür­mann und Pas­cal Ober­li, dazu zwei Tele­fo­na­te von Hei­er mit dem Thea­ter Basel.

Und es funk­tio­niert! Der genia­le Thea­ter­ma­cher Chri­stoph Martha­ler erweckt die tote Gemein­de­ver­wal­tung mit Unto­ten zu neu­em Leben. Ein Ensem­ble (hier stimmt die­se Bezeich­nung) ohne Stars, spielt und sitzt “so fried­lich zusam­men und haben sich alle so lieb”.

Die zwei ersten Vor­stel­lun­gen aus­ver­kauft. Loka­le, natio­na­le und inter­na­tio­na­le Pro­mi­nenz zu Besuch im Beam­ten-Sar­ko­phag an der Hard­stras­se, von dem der­zeit nie­mand so genau weiss, wie lan­ge die­ser noch unge­nutzt in der Gemein­de herumsteht.

   
Lokal: Dr. Jür­gen Miesch­ke mit Gemein­de­ver­wal­ter Mar­tin Schürmann
Natio­nal: Alt Gemein­de­prä­si­dent Hugo Holm im Gespräch mit Nicel­le und Emil Steinberger
Inter­na­tio­nal: Deutsch­land­funk mit Micha­el Lages.

Thea­ter Basel
Ehe­ma­li­ge Gemein­de­ver­wal­tung Birsfelden 

“Abtei­lung Leben”

Von Chri­stoph Martha­ler und Ensemble
Insze­nie­rung: Chri­stoph Marthaler
Büh­ne: Duri Bischoff
Kostü­me: Sara Kittelmann
Musik: Mar­tin Schütz
Licht­de­sign: Mario Bubic
Ton: Arev Imer
Dra­ma­tur­gie: Mal­te Uben­auf, Timon Jansen

Mit Jan Blut­hardt, Karl-Heinz Brandt, Cari­na Braun­schmidt, Rapha­el Cla­mer, Vera Flück, Mar­tin Hug, Ueli Jäg­gi, Jacob Mai­son (Tasten­in­stru­men­te), Jörg Pohl, Mar­tin Schütz (Cel­lo), Gala Othe­ro Winter

“Unentrinnbar in einer Schlaufe

Kein Applaus zum Ende die­ses Martha­lers. War­um auch? Denn was sich in der alten Gemein­de­ver­wal­tung Birs­fel­den in unse­rem Bei­sein abspielt, wird sich ganz bestimmt wie­der­ho­len, auch wenn kein Publi­kum da ist. Nachts, mor­gens, immer­zu, im Dau­er­loop. Bis der Bag­ger irgend­wann das Gemäu­er end­lich abreisst. So der bestim­men­de Ein­druck eines Abends unter einer unto­ten Beam­ten­be­leg­schaft, deren Auto­ma­tis­men und Auto­ma­ten ähn­lich wie die Skulp­tu­ren Jean Tin­gue­lys schein­bar ohne Anlass zap­peln, ham­peln, kreischen.

Wir erle­ben nur in Tei­len eine Auf­füh­rung, wir bege­hen in Grup­pen eine Instal­la­ti­on: durch lee­re Büros, in denen Tele­fon­hö­rer auf Büro­ti­schen einen melan­cho­li­schen Dia­log (“ich glau­be, ich hör­te wei­nen”) füh­ren, Frau­en ent­seelt in Büro­ses­seln hän­gen oder über Ord­nern lie­gen, in denen das Cha­os aus Par­ty­schlan­gen, Glä­sern und Fla­schen, Fest­ge­läch­ter ab Tape eine Beleg­schafts­fei­er bis in die Unend­lich­keit ziehen.

Eine Frau repe­tiert auto­ma­ten­haft in den Tele­fon­hö­rer: “Ent­schul­di­gen Sie bit­te, mein Name beginnt mit B.” Eine wei­te­re Beam­tin, so bie­der gewan­det, dass es weh tut, hält uns, immer wie­der vom pene­tran­ten “Zsch” der Kaf­fee­ma­schi­ne unter­bro­chen, einen Mono­log: Ein fan­ta­sti­scher Untext aus amt­li­chen For­meln und PR-Flos­keln, ohne Sinn und Rhythmus.

Ein Prin­zip, das sich an die­sem Abend öfters wie­der­holt. Denn Martha­ler ist die Spra­che als gül­ti­ges Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel abhan­den gekom­men, sei­ne Abstrak­ti­on ist beim Zei­chen ange­langt. Reis­sen die Beam­ten ihre Büro­tü­ren zur War­te­hal­le auf, stam­meln alle nur Lau­te, irgend­was mit “E”. Oder skan­die­ren Wort­ver­bin­dun­gen, “Zwangs­räu­mung – Band­brei­te – Gedulds­fa­den – Lasten­aus­gleich”, die sich in der Wie­der­ho­lung wie Unsinn anhö­ren. Dazu son­dert ein Cel­list hin und wie­der dunk­le Erup­tio­nen ab, als woll­te er uns sagen, dass in den steif­ge­schei­tel­ten Grau­ge­sich­tern mit Horn­bril­le ein­ge­sperr­tes Leben wuchere.

Einer schreit laut nach “Rebek­ka”, ein ande­rer lockt sei­nen Kol­le­gen sechs Mal ins Büro, um ihm jedes Mal die Türe vor der Nase zuzu­schla­gen, ein drit­ter fällt mit einem rie­si­gen Ord­ner­sta­pel flach auf den Boden, bleibt wie tot lie­gen, ein vier­ter steckt sei­ne Geld­schei­ne nur ein, um sie gleich wie­der zu ver­lie­ren. Alle leben nur im eige­nen Film, unent­rinn­bar in einer Schlau­fe, wie ab Schalt­uhr funktionierend.

Nur gele­gent­lich kom­men sie zusam­men, um vor einem Büro ein inbrün­sti­ges “Hap­py Bir­th­day” anzu­stim­men oder ein trau­ri­ges “Wir sit­zen alle so fröh­lich bei­sam­men”. Dazwi­schen schnar­ren absur­de Durch­ru­fe über die Haus­an­la­ge. Martha­ler zele­briert vir­tu­os die Uner­gründ­lich­keit der gehei­men Vor­gän­ge und Abläu­fe, die im Gan­zen wie eine halb­ver­bor­ge­ne Musik kom­po­niert wirken.

Beun­ru­hi­gend ist der Besuch beim Archi­var, dem iso­lier­ten Eigen­bröt­ler des Betriebs. In sei­ner Tasche hält er – wohl ver­bo­te­ner­wei­se – irgend­ein Tier, mit dem er zärt­lich spricht. Die Insek­ten bekämpft er mit Sprüh­mit­tel, rat­tert Amts­be­schei­de aus der Archi­vap­pa­ra­tur her­un­ter und beschimpft mit “Grrr”-Lauten das Bild des forsch aus­schau­en­den Chefs. Die­ser Unter­tan-Typen erlebt auf ein­mal einen Bruch, erschreckt vom Klang der eige­nen Stim­me aus dem Archiv­ka­sten. Sei­ne Sät­ze “Das ist falsch. Das ist Lauf der Din­ge” erschei­nen selbst­be­wusst – und arro­gant gegen­über dem Leben.

Vieles an dem Abend erscheint bekannt aus Martha­lers Reper­toire: Der roman­ti­sche Lied­vor­trag, das lie­be­voll insze­nier­te Schei­tern des tap­fe­ren, aber beschränk­ten Sub­jekts am Objekt, gewis­se Gags (Kasten­tür auf – Applaus ertönt aus dem Kasten – Kasten­tü­re zu), die mehr zum Schmun­zeln als zum Lachen anregen.

Neu ist der unter­schwel­li­ge Schrecken, nicht nur beim Archi­var, auch bei uns, den er her­vor­ruft: Die gro­tesk erschei­nen­de, aber durch­for­ma­tier­te “Abtei­lung Leben”, die hier vor­ge­stellt wird, ist als Bild völ­li­ger Lebens­ver­geu­dung unse­rem Erle­ben, die wir manch­mal wie im Wart­saal zuse­hen und dabei gleich­sam auf etwas war­ten, gegen­über­ge­stellt. Gele­gent­lich wer­den wir dabei selbst zu Martha­ler-Figu­ren unter den anderen.

Das ist mei­ster­haft. Die kom­ple­xe, detail­ver­lieb­te Durch­füh­rung, in der auch Musik oder Geräu­sche aus ande­ren Gebäu­de­tei­len genau abge­stimmt her­ein­wir­ken, erzeu­gen zuwei­len den Ein­druck eines Irrenhauses.

Da ver­schmerzt man die läng­lich gera­te­ne Mono­log-Revue am Ende, die vir­tuo­se Text­ko­mik, aber kaum mehr einen sub­stan­ti­el­len Bei­trag her­vor­bringt. Mit dem Epi­log, einer Para­de voll­be­la­de­ner Akten­wa­gen, die das Per­so­nal durch den ein­sti­gen Par­la­ments­saal fährt – und sich dar­auf wie auf Rol­la­to­ren stützt –, bringt die Essenz die­ses fri­schen Martha­lers noch­mals auf den Punkt. Hingehen.”

Clau­de Büh­ler (Online​Re​ports​.ch)                                                                                                                3. Juni 2023

Näch­ste Vorstellungen:
6./7./8./9./10./11./14./16,/18./19.24.6.2023
Vor­ver­kauf: Thea­ter Basel
Abend­kas­se: ROXY Birsfelden

Wir dan­ken Clau­de Büh­ler für die wun­der­ba­re Bespre­chung, Online​Re​ports​.ch für die Veröffentlichungsrechte,
Moni­ka Zech und dem Thea­ter Basel für die Fotos.

Aus meiner Fotoküche 112
Mattiello am Mittwoch 23/23

Deine Meinung

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.