Da Huxley’s “Ends and Means” im Gegen­satz zu sei­nen vie­len ande­ren Publi­ka­tio­nen nicht in deut­scher Über­set­zung vor­liegt, der birsfaelder.li-Schreiberling des­sen Gedan­ken­gän­ge aber als wert­voll erlebt, erlaubt er sich, hier den Aus­zug aus dem ersten Kapi­tel ““Zie­le, Wege und heu­ti­ge Aus­gangs­punk­te” wei­ter­zu­füh­ren.

Für Hux­ley ist es wich­tig, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Ethik der Nicht-Anhaf­tung immer mit Kos­mo­lo­gien ver­bun­den war, die die Exi­stenz einer spi­ri­tu­el­len Rea­li­tät beja­hen, die der phä­no­me­na­len Welt zugrun­de liegt und ihr jeg­li­chen Wert oder jede Bedeu­tung ver­leiht, die sie besitzt, und er fährt fort:
Nicht­an­haf­tung ist nur dem Namen nach nega­tiv. Die Pra­xis der Nicht-Anhaf­tung schließt die Pra­xis aller Tugen­den ein. Sie beinhal­tet zum Bei­spiel die Pra­xis der Näch­sten­lie­be; denn es gibt kei­ne fata­le­ren Hin­der­nis­se für die Iden­ti­fi­ka­ti­on des Selbst mit dem imma­nen­ten und tran­szen­den­ten Mehr-als-Selbst als Zorn (sogar “recht­schaf­fe­ne Empö­rung”) und kalt­blü­ti­ge Bosheit.
Sie erfor­dert die Übung von Mut; denn Angst ist eine schmerz­haf­te und zwang­haf­te Iden­ti­fi­ka­ti­on des Selbst mit sei­nem Kör­per. (Angst ist nega­ti­ve Sinn­lich­keit, genau­so wie Träg­heit nega­ti­ve Bos­heit ist.)
Sie erfor­dert die Kul­ti­vie­rung von Intel­li­genz, denn gefühl­lo­se Dumm­heit ist eine Haupt­wur­zel aller ande­ren Laster.
Sie erfor­dert die Übung von Groß­zü­gig­keit und Selbst­lo­sig­keit, denn Geiz und Besitz­gier zwin­gen ihre Opfer, sich mit blo­ßen Din­gen gleich­zu­set­zen. Und so wei­ter. Es erüb­rigt sich, auf den Punkt hin­zu­wei­sen, der für jeden, der dar­über nach­denkt, hin­rei­chend offen­sicht­lich ist, näm­lich dass die Nicht­an­haf­tung den­je­ni­gen, die sie prak­ti­zie­ren wol­len, eine äußerst posi­ti­ve Ein­stel­lung zur Welt abverlangt.

Das Ide­al der Nicht­an­haf­tung ist im Lau­fe der letz­ten drei­tau­send Jah­re immer wie­der for­mu­liert und syste­ma­tisch gepre­digt wor­den. Wir fin­den es (zusam­men mit allem ande­ren!) im Hin­du­is­mus. Sie ist das Herz­stück der Leh­ren des Bud­dha. Für die chi­ne­si­schen Leser wird die Leh­re von Lao Tsu for­mu­liert. Etwas spä­ter, in Grie­chen­land, wird das Ide­al der Nicht­an­haf­tung von den Stoi­kern ver­kün­det, wenn auch mit einer gewis­sen pha­ri­säi­schen Strenge.

Das Evan­ge­li­um Jesu ist im Wesent­li­chen ein Evan­ge­li­um der Nicht­an­haf­tung an die Din­ge die­ser Welt und der Anhaf­tung an Gott. Was auch immer die Ent­glei­sun­gen des orga­ni­sier­ten Chri­sten­tums gewe­sen sein mögen — und sie rei­chen von extra­va­gan­ter Aske­se bis zu den bru­tal­sten zyni­schen For­men der Real­po­li­tik -, es hat nicht an christ­li­chen Phi­lo­so­phen gefehlt, die das Ide­al der Unge­bun­den­heit bekräf­tigt haben.
Johan­nes Tau­ler zum Bei­spiel sagt uns, dass “Frei­heit völ­li­ge Rein­heit und Los­ge­löst­heit ist, die den Ewi­gen sucht; … . Er for­dert uns auf, “durch vie­le Sor­gen wie ohne Sor­ge hin­durch­zu­ge­hen; nicht nach der Art eines Fau­len­zers, son­dern durch ein gewis­ses Vor­recht eines frei­en Gei­stes, der nicht mit unmä­ßi­ger Zunei­gung an irgend­ei­nem Geschöpf haftet.”

Man könn­te sol­che Zita­te fast unend­lich oft anfüh­ren. In der Zwi­schen­zeit haben Mora­li­sten außer­halb der christ­li­chen Tra­di­ti­on die Not­wen­dig­keit der Nicht­an­haf­tung nicht weni­ger nach­drück­lich bekräf­tigt als die Chri­sten. Was Spi­no­za zum Bei­spiel “Glück­se­lig­keit” nennt, ist ein­fach der Zustand der Unge­bun­den­heit; sei­ne “mensch­li­che Knecht­schaft”, der Zustand eines Men­schen, der sich mit sei­nen Wün­schen, Gefüh­len und Gedan­ken­pro­zes­sen oder mit ihren Objek­ten in der äuße­ren Welt identifiziert.

Der nicht-anhaf­ten­de Mensch ist jemand, der, in bud­dhi­sti­scher Spra­che, dem Schmerz ein Ende setzt; und er setzt dem Schmerz ein Ende, nicht nur bei sich selbst, son­dern auch, indem er sich von bös­wil­li­gen und dum­men Hand­lun­gen fern­hält, dem Schmerz, den er ande­ren zufügt. Er ist sowohl der glück­li­che oder “geseg­ne­te” Mensch als auch der gute Mensch.

Eini­ge weni­ge Mora­li­sten, von denen Nietz­sche der berühm­te­ste und der Mar­quis de Sade der kom­pro­miss­lo­se­ste ist, haben den Wert der Nicht­an­haf­tung geleug­net. Aber die­se Män­ner sind offen­sicht­lich Opfer ihres Tem­pe­ra­ments und ihres beson­de­ren sozia­len Umfelds. Da sie die Unge­bun­den­heit nicht prak­ti­zie­ren kön­nen, sind sie auch nicht in der Lage, sie zu pre­di­gen; sie sind selbst Skla­ven und kön­nen die Vor­tei­le der Frei­heit nicht ver­ste­hen. Sie ste­hen außer­halb der gro­ßen Tra­di­ti­on der zivi­li­sier­ten asia­ti­schen und euro­päi­schen Phi­lo­so­phie. Auf dem Gebiet des ethi­schen Den­kens sind sie Exzentriker.
In ähn­li­cher Wei­se sind sol­che Opfer beson­de­rer sozia­ler Umstän­de wie Machia­vel­li, Hegel und die zeit­ge­nös­si­schen Phi­lo­so­phen des Faschis­mus und des dik­ta­to­ri­schen Kom­mu­nis­mus Exzen­tri­ker auf dem Gebiet des poli­ti­schen Denkens.

Fort­set­zung am kom­men­den Sams­tag, den 3. Februar

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